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Wir klagen an! Nationalisten in den Kerkern der Bourgeoisie




Wir klagen an! Nationalisten in den Kerkern der Bourgeoisie

Hartmut Plaas




Rezension von Daniel Bigalke

Die Vertreter der Nationalrevolutionären Bewegung der Weimarer Republik waren im Allgemeinen recht jung und von den Fronterlebnissen des Ersten Weltkriegs und der Niederlage von 1918 entscheidend geprägt. Bei ihnen war aus Sicht der Forschung der "revolutionäre Wille" am stärksten ausgeprägt. Das konservative, bewahrende Element trete demgegenüber stark in den Hintergrund. Sie seien - so die Sicht Franz Schauweckers - von allen Gruppen der Konservativen Revolution am ehesten bereit gewesen, Fortschritt und Technik zur Erreichung ihrer Ziele - allerdings nicht als Ziel an sich - zu akzeptieren.

Bei den Nationalrevolutionären war eine starke Affinität zu sozialen Fragen und zum Sozialismus vorhanden. Eine Aufteilung in die üblichen Schemata von "Rechts und Links" lehnten sie ab. Ernst Niekisch war bis zuletzt ein glänzendes Beispiel hierfür. Er war niemals in Gänze derartig simplifizierend kategorisierbar. Insbesondere eine "unkapitalistische Ordnung" wurde als wünschenswert angesehen - auf Basis der Nation. Sie stehen damit dem Nationalbolschewismus am nächsten. Der TAT-Kreis um Hans Zehrer steht nach Armin Mohler zwischen Nationalrevolutionären und Jungkonservativen. Vertreter dieser Gruppe sind unter anderem Ernst Jünger, Friedrich Georg Jünger, Friedrich Hielscher, Ernst von Salomon, Hartmut Plaas, Franz Schauwecker, Harro Schulze-Boysen und die Kreise um Otto Strasser und wieder Ernst Niekisch.

Das vorliegende Buch ist ein Standardwerk des nationalrevolutionären Denkens und damit zur Geschichte der konservativ-revolutionären Bewegung in der Weimarer Republik. Es enthält eine interessante Aufsatzsammlung von Inhaftierten in der Weimarer Republik und ihren Fürsprechern: Hartmut Plaas, Ernst von Salomon, Kapitän Ehrhardt, Hans-Gerd Techow, Martin Bormann und Arnold Friese. Insbesondere tritt die Person Ernst von Salomons als bedeutsam hervor. Salomon verbüßte eine Haft bis 1928 wegen der Beteiligung an der Ermordung Walther Rathenaus und dem Mordversuch an einem Gesinnungsgenossen. Rückblick: Das Ende des Ersten Weltkriegs war auch das Ende zukünftigen preußischen Offiziers Salomon. Er empfand die Revolution von 1918 - so schreibt er im "Fragebogen" - als sehr bitter. Im Januar 1919 trat er im Januar 1919 ins Freiwillige Landesjägerkorps "General Maercker" ein. Doch bald zog er mit dem Hamburger Freikorps Bahrenfeld ins Baltikum, wo deutsche Freikorps im Auftrag der Reichswehr gegen die Truppen des revolutionären Rußland kämpften. Als die deutsche Regierung unter Druck der Alliierten die deutschen Freikorps zurückbeorderte, kam ein Menschenschlag ins Reich zurück, das weiterhin politisch und kämpferisch aktiv bleiben wird. Der erste Rückschlag für sie war die Verhaftungswelle, die nach dem Attentat auf Matthias Erzberger einsetzte. Das Attentat auf Philipp Scheidemann zu Pfingsten 1922 scheiterte. Er galt als der maßgeblich Verantwortliche für die Kriegsniederlage und die Revolution von 1918. Er habe "die Herrschaft des Kapitalismus erst eingesetzt". In Berlin kam es zudem zu den Vorbereitungen für das Attentat auf Walther Rathenau. Ein Wagen samt Chauffeur mußte besorgt werden. Dazu wurde von Salomon beauftragt. Nach dem Attentat am 24. Juni 1922 wurde man dennoch vieler Beteiligten habhaft. Alle Angeklagten kamen mit Haftstrafen davon. Salomon wurde zu 5 Jahren Zuchthaus und 1927 nochmals wegen Beteiligung an dem versuchten Fememord in Bad Nauheim zu insgesamt 7 Jahren verurteilt.

Eine ähnliche Geschichte weisen viele der im Buch zu Wort kommenden Autoren auf. Es geht in der Textsammlung um ihre individuelle Anklage an die Vertreter des bürgerlichen Deutschland: "Ihr hattet den Staat. Ihr habt ihn verkommen lassen. Ihr hattet die Macht. Ihr triebt Mißbrauch mit ihr! Ihr führet Krieg und heulet derweil um Frieden! Wir klagen euch an." Die Zeilen lesen sich oftmals als prägende Leidensgeschichten in den Kerkern der Republik. Aber dennoch: "In der Ruhe des Gefängnisses hatte man Zeit zum nachdenken. Sie haben zu Erkenntnissen geführt, die dem Menschen der geordneten Lebensbahn stets verschlossen bleiben." Aber auch eine gewisse Zynik spricht aus vielen Zeilen. So etwa hier: "Und ich verließ nach sechmonatigem Nachdenken hinter Gitterfenstern das Gefängnis natürlich als sittlich gebesserter Mensch."

Es geht bei diesen Essays immer wieder um die Vorstellung, daß es keine sittlich endgültigen richtenden Urteile und Richter gebe, womit die über die Autoren gefällten Richtersprüche zwar hinzunehmen, an sich aber unrecht seien. Alles Geschehende wird von vielen Autoren des Bandes als unvermeidbar hinzunehmend betrachtet - frei nach Leon Bloy: "Tout ce qui arrive est adorable!" Damit ist der tragische Heroismus für sie charakteristisch. Er zeigt sich in den Texten der Verurteilten als eine Tugend, die selbst durch die Aussicht auf die völlige Vernichtung und Hoffnungslosigkeit in den Gefängnissen nicht zu erschüttern ist. Diese Haltung zu bewahren und dennoch nicht in ihr aufzugehen, nicht nur Material, sondern auch Träger des eigenen Schicksals zu sein, das Leben nicht nur als Feld des Notwendigen, sondern zugleich der Freiheit auch im Beengten zu begreifen, - dies ist ein Vermögen, das als der heroische Realismus gekennzeichnet ist. Er kommt bei den im Buch sprechenden Nationalrevolutionären deutlich zum Ausdruck.

Die Texte der Nationalrevolutionäre sind kämpferisch, verzweifelt aber niemals von Selbstpreisgabe geprägt. - Ein interessantes und historisches Stück deutscher Literatur.


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