Die
Welt inspiriert: ob im Gespräch, auf dem Bauernmarkt, den Wolken
des Himmels, beim Konzert, einer Soap, einem Sachbuch oder Grillabend:
Ich sammele Stimmungen, Mienen und Gedanken. Für alles Fluidale um mich
herum bin ich empfänglich. Ich frage mich, was ist es, das mich berührt
und was erschüttert mich? Was davon könnte auch andere berühren? Was
sie unterhalten, aber auch an Wissenswertem bereichern?
Dann schotte ich mich wie eine Auster ab und schlüpfe in
die Haut
meiner Figuren. Wobei sich Begebenheiten und Fakten in eine Rutschbahn
umwandeln, die mich in die Welt der Phantasie führen. Ich kann dann in
eine neue Welt abtauchen, von der ich hoffe, sie mit meinen Leser/innen
teilen zu können. Für diese Arbeit brauche ich Ruhe und Konzentration -
und einen konsequent geführten Terminkalender, der mir jeden Morgen vor
Augen hält, dass es auch noch eine Welt mit Müllabfuhr-, Schul- oder
Kursterminen gibt.
Seit meiner Schulzeit interessiert mich Geschichte, und
einige Jahre
lang durfte ich meiner Klasse am letzten Tag vor den Sommerferien eine
selbst »gewebte« Abenteuerstory vorlesen.
Ich liebe Bücher leidenschaftlich - so wie mich Menschen
und ihre
Schicksale interessieren. Zu schauen, wie jeder einzelne seinen Weg
geht und versucht, seinen Lebenssinn zu finden, fasziniert mich
gleichermaßen in der Gegenwart wie in der Vergangenheit.
Hobbys: gemeinsam kochen, gute Gespräche, handwerkern,
bergwandern
Schriftsteller sind seltsame Menschen
Eine Momentaufnahme und spontane Zustandsbeschreibung nach einem
soeben abgeschlossenen historischen Roman
Schriftsteller sind seltsame Menschen.
Manchmal. In der Tat: Manchmal schauen wir in den Spiegel und erkennen uns
nicht. Nicht mehr. Weil wir uns gerade wieder einmal in der Haut eines anderen
befinden und uns das eigene Spiegelbild ein wenig befremdlich vorkommt. Das ist
mal erschreckend (weil wir so ausgezehrt sind), mal gut (weil wir mit der Figur
warm geworden sind), mal unvergleichlich fantastisch (weil diese uns längst am
Haarschopf gepackt und in ihr eigenes Leben fortgerissen hat).
Dennoch bleibt der Blick in den Spiegel
befremdlich. Dieses Gesicht dort im Spiegel ist jeden Morgen, jeden Abend mehr
oder weniger gleich, in unserem Inneren jedoch haben wir gerade wieder einmal Großartiges,
Aufregendes erlebt. Komisch ist es schon: Wir selbst sehen es uns nicht an. Und
schon gar nicht finden wir eine Ähnlichkeit mit dem (fiktiven) Gesicht, mit
dem wir in unserem Roman spazierengehen und das wir wie eine innere Maske
tragen, ob es sich nun um einen Olivenbauern, Revolutionär, eine Malerin,
Winzerin oder Süßspeisenköchin handelt. Gemeinsam haben sie alle nur eines:
die Kraft, uns Schriftsteller von uns selbst fortzureißen.
Man
könnte es auch so sagen: Schriftsteller sind (manchmal) Reisende in
Wollsocken. Das klingt langweilig, nicht? Aber LeserInnen sind keine Fahrkartenkontrolleure,
und Schriftsteller haben einen Hexenbesen.
Kommen Sie, steigen Sie auf!
Gerade eben noch verblasste hinter uns die
brasilianische Küste von Bahia im Dunst, wir rauschen über den Atlantik, auf
einem weißen Segelschiff, einem Flying-P-Liner, hart am Wind, dort unten liegt
der Hamburger Hafen, aber wir ziehen unseren Hexenbesen Richtung Südosten, nach
Budapest, weiter zu den Hirten, zu einer ungarischen Hochzeit ... Schluss. Aus.
Ich will Sie weiter durch die Lüfte jagen. Merken Sie, wie die Winde wechseln?
Eben noch blies uns heißer Wind aus der ungarischen Tiefebene um die Köpfe,
jetzt ... ja, noch einmal Hamburg, aber jetzt: Da! Schauen Sie nach unten. Sehen
Sie, wie Neptuns Klauen an der Ostseeküste ein Stück Land herausreißen? Jaja,
ich weiß, das war vor langer, langer Zeit, aber wir hören noch einmal das
gewaltige Brausen, grausen uns vor dem Tosen des aufgewühlten Meeres. Sehen
Sie, wie die Mönche im Zisterzienser-Kloster in Doberan vor Angst zittern?
Wie ihre Knie auf den Steinfliesen kalt und knochenweiß werden vom langen
Beten? Da! Jetzt fliegen wir eine Kurve, noch eine und noch eine, wir kreisen
über Heiligendamm und Doberan und sind ... ha! Im Jahre 1885.
Längst gibt es hier keine Mönche mehr,
dafür blinzeln wir einmal durch die farbigen Fenster des Doberaner Münster,
schauen dem berühmten Sakralbauarchitekten Möckel bei den
Restaurierungsarbeiten zu, brausen schnell zur Küste zum Heiligen Damm zurück,
denn die himmlischen Mächte haben die Gebete damals natürlich erhört ...
Jetzt herrscht hier elegantes Luxusleben,
es ist Sommer, die noblen Gäste genießen ihre Badekur. Dort, unterhalb des
Steilufers, erhebt sich gerade eine junge Frau, sie will nicht baden. Sie
lässt alles hinter sich am Strand ...
Wir sollten eine Weile im Winde auf und ab
schaukeln, um sie zu beobachten. Sie ist hübsch, etwas pummelig wie jemand, der
zu genießen weiß - oder wie jemand, der aus Kummer, aus unerfüllter Sehnsucht
isst ... Süßes isst ... raffiniert Süßes ... köstliche Desserts ...
Nur eines: Die junge Frau heißt Lilly Alena
Babant und ist Süßspeisenköchin in der "Strandperle" (erfunden!) in Heiligendamm.
Das heißt, sie war es ...
Wie eine Perle, deren Austernschalen
aufgebrochen werden, wird die Heldin jetzt in das Leben hineinkatapultiert.
Hoffnung und Niederlagen, Aufschwung und Anfeindungen, Gewalt und Liebe: Ein
dichtes Netz verschiedenster Charaktere webt sie ein. Und wir fragen uns, wie
und ob es ihr gelingen wird, sich aus ihm zu befreien.
Wir fliegen zu dem reetgedeckten alten Haus
ihrer Vorfahren in Doberan, steigen mit einem kühlen Nordwestwind hoch auf und
kehren zu ihr zurück. Ganz klein sieht sie aus, verzweifelt, bleich, noch immer
flattert ihr Haar lose im Wind. Hören Sie, was sie denkt? Ja?
Wirklich ... alles?
Sind wir nicht erleichtert, dass sie kein
schlichtes Blondchen ist?
Sie kennt das Geheimnis exquisiter
Süßspeisen. Sie hat einen Traum und steht doch eines Tages vor dem größten
Rätsel ihres Lebens.
Sie weiß, sie muss es lösen, um den Mann
von ihrer Liebe überzeugen zu können, von dem sie glaubt, dass er es wert
ist, geliebt zu werden.
Ihre Leidenschaft, ihr Schmerz, die
Widerstände, die sich ihr in den Weg stellen, werden uns vertraut sein.
In der Zeit aber, in der sie lebt, wird es
ihr allerdings schwerer sein, ihr Ziel
zu erreichen. Zumal der Weg, den sie beschreiten wird, mit Steinen gepflastert
ist, die wenig heilig sind: Steine des Neides, der Heimtücke, der Gewalt, der
Lügen.
Bleiben wir bei ihr.
Ein ganzes Jahr lang.
Begleiten wir sie zum Bauernfest auf
Doberans Festwiese, dem Kamp.
Halt.
Heiterer, unbeschwerter Tanz?
Von wegen!
Sehen wir Lilly Alena Muscheln sammeln.
Nur Muscheln?
Von wegen!
Wir sehen sie leiden, möchten uns all den
Gerüchten entgegenstemmen, die über sie kursieren.
Sie kämpft um ihren Ruf, ihre Arbeit - und
um einen Mann, der einer anderen Frau gehört: seiner Mutter.
Menschlich, allzu Menschliches begegnet uns
in einer Zeit des Aufschwungs: 1885 kauft
Baron von Kahlden Heiligendamm auf,
und 1886 baut der Eisenbahnunternehmer Lenz die berühmte
Schmalspurbahn "Molli" - Eckpunkte in Lilly Alena Babants Leben.
Ein Leben allerdings, das durch die
tragischen Folgen des Börsencrashs von 1873 überschattet ist.
Und dann steht Lilly eines Tages vor der
Entscheidung, ob sie einen Auftrag von weittragender Bedeutung annehmen soll
- denn sie weiß: Gelingt es ihr, gewinnt sie persönliche Unabhängigkeit,
scheitert sie, verliert sie alles. Doch das, was dann geschieht, erschüttert
ihre gesamte Existenz.
Bleiben wir bei ihr, ein Jahr lang ...
Und dann?
Dann, liebe LeserInnen, fliegen wir weiter,
landen vor einem Lokal am Meer oder in
den Bergen und trinken Wein, reden über Lilly oder Madelaine oder Amélie oder
Fiona oder ... Oder: Sie!
So einfach ist das, wenn man Wollsocken
anzieht und sich zu einem Schriftsteller auf dessen Hexenbesen setzt. Sehen Sie
irgendein Steuer? Einen Kompass? Nein, nein, suchen Sie nicht danach. Er
folgt seiner inneren Stimme, seinem Instinkt, seinem Gefühl ... Glauben Sie: Das
ist nur eine Seite. Die andere ist das, was er weiß.
Es war ein eiskalter Januarnachmittag. Auf
den Straßen lag eine daumendicke Eisschicht. Mir grauste vor der Rückfahrt mit
dem Auto und so blieb ich noch am runden Tischchen sitzen. Der Kakao unter dem
Rest Sahne war kalt geworden, so locker und schwungvoll war das Interview
gelaufen, zu dem mich eine nette
NDR-Journalistin eingeladen hatte. Über sich und die eigene Arbeit zu schreiben
oder zu sprechen, ist eine etwas heikle Angelegenheit. Denn je nach
Tagesfassung, Stimmung, momentaner Besetztheit durch ein Thema, Motive,
Figuren, hebt man Aspekte hervor, die entweder immergültig sind oder einem
gerade spontan wichtig erscheinen. Nach dem, was Sie jetzt gelesen haben, können Sie sich ja
vorstellen, dass wir Schriftsteller immer diesen Hexenbesen fühlen, der uns
forttreibt ...
Eine junge Kellnerin tritt an mich heran,
erzählt mir, wie sehr ihr "Das Schokoladenmädchen" über eine schwierige Zeit
hinweg geholfen habe und fragt, ob sie denn wirklich gelebt habe, diese
Madelaine Elisabeth Gürtler.
Madelaine ist eine fiktive Figur, aber die
Welt, in die ich sie setzte, ist historisch fundiert. Aus vielerlei Quellen heraus:
kulturhistorischen Fachbüchern, Archivmaterial, zeitgenössischen
Fachzeitschriften und Tageszeitungen, Aufsätzen und Berichten.
Ich freute mich über die Frage, wie jeder
Schriftsteller es wohl täte. Denn die Frage der jungen Kellnerin nach dem
Authentischen bzw. dem Wahrscheinlichen ist genau das, was quasi der Lohn für
aufwendige Recherche ausmacht.
Wenn wir also das Leben einer Romanfigur
für glaubwürdig halten, hat der Schriftsteller seine Arbeit nicht umsonst
gemacht.
Wie sieht das aus, fragen Sie sich?
Stellen Sie sich vor: Jemand schiebt Sie
mit Nachdruck vor ein großes, schwarz gähnendes Tor. Nur ein, zwei Fackeln beleuchten
links und rechts das Portal, vor dem Sie stehen. Das einzige, was Sie sehen,
ist ein wenige Fuß breiter, staubiger Eingang. Aus der vermeintlichen Tiefe
dahinter ziehen Luftströme auf Sie zu. Sie lauschen, glauben Stimmen zu
hören, dann wieder lautes Rauschen, Klänge, Düfte streifen Sie. Sie ziehen los.
Mutig gehen Sie ins Dunkle hinein. Dort glimmen Lichter, da räuchern Öllampen,
woanders flackern Fackeln, brennt Talg in Schalen. In ihr unruhiges Licht
hinein wispern Buchrücken aus allen Wissensgebieten der Menschheit, aus allen
Zeiten, aus allen Federn ... Wimpel mit Hinweisen auf Epochen, Themen,
Stichwörtern flattern im Luftstrom.
Schnell merken Sie, dass den Wänden Biegungen
folgen, Gänge locken links und rechts. Sie würden sich manchmal am liebsten
zerteilen, um gleichzeitig all den Wimpeln, all den Wegen zu folgen, die sich
Ihnen lauthals anbieten "Lies! Mich! Jetzt!" und "Hör! Mich! An!" und "Hast
du's schon gewusst?"
Sie haben eine Idee, einen Plan, Figuren,
für die Ihnen kein Pfad, keine Höhle, kein Tunnel zu lang, zu eng, zu
beschwerlich ist, um Material einzusammeln, damit eine neue Welt in Ihrem Kopf
entstehen kann. Sie füllen ihn mit allem, was Ihnen interessant und notwendig
erscheint, damit Ihre Figur wahrhaftig mit Ihnen leben kann. Sie muss neben
Ihnen schwitzen, atmen, keuchen, schreien, wispern können. Sie müssen Sie
springen sehen, rennen und weinen. Bei diesem aufregenden - quasi doppelten -
Innenleben stört die banale Außenwelt, alles wird langweilig gegenüber dem, was
sich in uns "tut".
Also: Der Hexenbesen ist nur eine Metapher
für die Leidenschaft, die dazugehört, von einem Feuer für eine Idee mitgerissen
zu werden. Wenn Sie sich dann eines Tages auf Ihr Sofa legen und das Buch
aufschlagen, ist die Arbeit natürlich getan. Und wenn dann der Funke der
feurigen "Hexerei" auf Sie überspringt (wie ich es bei Lesungen erlebe), lehne
ich mich zurück und betrachte glücklich meine durchlöcherten Wollsocken.
Post scriptum: Der Sand, der aus meinen
Reisesocken herausrieselt, ist übrigens echt (das bringt faktisches Reisen nun
einmal so mit sich) und erinnert mich an etwas ganz Wichtiges: Lilly Alena
Babant lebt in der Buchwelt als "Die
Muschelsammlerin", die der Knaur Verlag im Juli 2010 veröffentlichen wird.
Januar 2010
Katryn Berlinger
Veröffenlichungen:
Der Kuss des Schokoladenmädchens Verlag: Droemer/Knaur ISBN-10: 3426639890 ISBN-13: 978-3426639894 528 Seiten 8,95 Euro
Das Buch bestellen:
Kurzbeschreibung: Kurz vor dem Ersten Weltkrieg: Madelaine Gürtler, die einst als
»Schokoladenmädchen« mit ihren süßen Kreationen Furore und die Männer
verrückt machte, ist mit ihrem Mann, dem Grafen Mazary, in seine Heimat
Ungarn gezogen. Doch ihre Ehe steht unter keinem glücklichen Stern: Der
lang erwartete männliche Erbe bleibt aus, und Madelaine erträgt den
Druck kaum mehr, den die gräfliche Familie auf sie ausübt. Verzweifelt
fl üchtet sich Madelaine in die Arme eines anderen Mannes, doch dann
droht sie die Liebe beider Männer zu verlieren ...
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