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Schall und Rauch. Eine Mediengeschichte der Kurve




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Schall und Rauch.

Eine Mediengeschichte der Kurve
Stefan Rieger
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN-10: 3518294490
ISBN-13: 978-3518294499
400 Seiten
16,00 Euro



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Rezension von Daniel Bigalke

Der Konstruktivismus als philosophische Auffassung besagt insbesondere, daß wir die materielle Welt, die verschiedenen Wissenschaften, die Mathematik, die Logik und weitere empirische Konfigurationen als Individuen konstruieren, und zwar als subjektive Bilder der eigenen Vorstellung. Diese Dinge sind dann nicht mehr vom Individuum als objektiver Tatbestand erkennbar und entdeckt worden, d.h. in der Realität wahrgenommen. Nein, sie existierten im Wahrnehmenden selbst, also nicht unabhängig vom Denken und Handeln der Menschen. Sie sind Produkte des eigenen Vorstellungsvermögens. Hierzu gibt es verschiedene philosophische Strömungen die der Begriff des Konstruktivismus geprägt hat. Den Methodischen Konstruktivismus der "Erlanger Schule" und den Radikalen Konstruktivismus. Diese beiden Varianten sind zu unterscheiden. Während der eine die Möglichkeit einer konstruierten Welt methodisch in Erwägung zieht, geht die andere Variante in der Interpretation der Wirklichkeit grundsätzlich davon aus.

Als zentraler Datentyp der Natur- und Sozialwissenschaften steht die Kurve im Zeichen einer technisch abgesicherten vermeintlichen Objektivität, die umgekehrt den Kultur- und Geisteswissenschaften dezidiert abgesprochen wird. Das vorliegende Buch gilt dem Versuch, diese eindeutige Zuweisung als Phantasma der Moderne zu lesen, d.h. Kurven nicht als Objektivum zu betrachten. Kurz: Es steht die Frage im Raum, ob Kurven Gegenstände der Oberfläche sind, oder sie vielmehr über eine weitere Dimension des Hintergründigen verfügen. Denn - in der Formgebung der Natur könne sie nicht als erschöpft betrachtet werden. Die vermeintlich unerschöpfliche Quelle der Mustergenerierung steht damit eindeutig im Zweifel. Kurven sind nur formalisierte Agenten mathematischer Funktionen.

Die Frage, was mit Kurven überhaupt anzufangen ist und welchen Erkenntniswert sie haben, wird zum Einfallstor für alle nur denkbaren Irrationalismen und Subjektivitäten. Im Rückgriff auf die Kurve kann am Methodenideal der Naturwissenschaften partizipiert werden, ohne dabei jedoch die semantischen Bedürfnisse der Geistes- und Kulturwissenschaften preiszugeben. Der strategische Umgang mit Kurven wird so zu einem wissenschaftsgeschichtlich präzisen Kommentar zum prekären Verhältnis der beiden Wissenschaftskulturen.

Die Grundaussage des Buches liest sich interessant: Das hypertrophe Datenreich im Zeichen unterschiedlicher Kurventypen, welche die Moderne mit sich brachte, stellt eine eigene Phantasmatik dar. Sie hat Anteil an vermeintlich feststehenden Vorstellungen über Evidenz in der Natur. Doch ist dies wirklich so oder ist die Natur vielmehr gar nicht derart formalistisch zu fassen? - Dieses Buch gibt die Antwort!


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