Neuaufbau des Deutschen Reiches
 Neuaufbau des Deutschen Reiches Oswald Spengler Daniel Bigalke (Hrsg.) Verlag: Arnshaugk Verlag ISBN-10: 3926370351 ISBN-13: 978-3926370358 147 Seiten 12,00 Euro
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Gastrezension
Oft wird moniert, daß es der
politischen Rechten, zumindest einer Mehrheit ihrer Vertreter, an Innovation, Selbstbewußtsein
und stellenweise an Intelligenz fehle. Das mag richtig sein, denn Erfolg ist in
der Politik nur zu erringen, wenn neben den guten Vorsätzen auch Begabung und
Überzeugungspotenzial vorhanden sind. Es war Oswald Spengler, der in einer
nunmehr erstmals wieder in gedruckter Form herausgegebenen politischen
Streitschrift von 1924 erkannte, daß das Schauspiel in Deutschland immer das
gleiche sei: links die scheinbar erfolgreichere Intelligenz, aus Mangel an
geschäftlicher und nationaler Tradition oft unsicher, rechts bloße Gesinnung,
auch amtliche, diplomatische und wirtschaftliche Erfahrung, aber durch den
Mangel an Mut und Intelligenz oft erfolglos.
Als wolle der Arnshaugk-Verlag in
Zeiten des Wahlkampfes 2009 diesen düsteren Aussichten und der drögen
politischen Wirklichkeit im Gegenzug ein politisch ambitioniertes Feuerwerk gegenüberstellen,
ist nunmehr die Spengler-Schrift „Neubau des Deutschen Reiches“ neu aufgelegt
worden. Spenglers politische Position ist hier diejenige eines Preußentums vor
dem Hintergrund der selbstzerstörerischen Kriege Europas, mit seinem
Heimatstaat als Modell für die Zukunft. Er steht für Pflicht, Ordnung und
Gerechtigkeit, die Ideale einer deutschen Kultur, im Gegensatz zu Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit als Idealen einer westlichen Zivilisation. Spengler
präferiert gegenüber dem Marxismus und dem liberalen Parlamentarismus einen
Deutschen Sozialismus, der für ihn die Synthese von Gemeinwirtschaft und
Monarchie oder Konservativismus und Sozialismus darstellt. Die Deutschen sind für
ihn ein Volk, daß seiner Regierung eigentlich traditionell vertraue und diese ohne
Kontrolle herrschen läßt. Dazu müsse sich aber diese Regierung würdig erweisen!
Dafür liefert er in dieser Schrift konkrete politische Pläne und faßt überdies die
bisherige Entwicklung in einer apodiktischen Feststellung zusammen: „Das
parlamentarische Zeitalter ist unwiderruflich zu Ende!“ Dies ist eine Tatsache,
die sich mit dem Sturz demokratischer Systeme vor dem Zweiten Weltkrieg zu
bewahrheiten schien. Deutschland brauche deshalb ein neues Regierungssystem.
Politisch engagierte sich
Spengler 1922 und 1923 für den Chef der bayrischen Einwohnerwehren, den, im
Vergleich zum Kreis um Ludendorff, gemäßigten Escherich. In diesem Zusammenhang
setzte er sich für die Schaffung eines rechtskonservativen Pressewesens ein. Im
Ruhrkampf 1923 und bei den Ereignissen im Vorfeld des Hitler-Putsches
entfaltete er nochmals politische Aktivitäten, befand sich jedoch nicht im
Zentrum der Ereignisse und verurteilte den politischen Aktionismus Hitlers. Es sind
gerade diese Ereignisse, die in Spenglers 1924 erschienenem Buch verarbeitet
werden.
Der Leser muß nicht notwendig an den Niedergang des
Parlamentarismus glauben – auch wenn es danach oftmals auszusehen anmutet – um
dem vorliegenden gut zu lesenden Bändchen Wesentliches abzugewinnen. Um auf die
gegenwärtige Bedeutung des die alten politischen Tugenden Deutschlands
betonenden Werkes einzugehen, die gleichsam eine neue Herausgabe der Schrift
rechtfertigt, ist zu sagen, daß demgegenüber der aktuelle Rückzug ins
Privatleben mit der Folge eines defizitären Sinnes für politische Tugenden kaum
mehr zu leugnen ist. In Deutschland steht schon länger die Forderung im Raume:
Gegen den Parteienstaat helfen nur noch Volksentscheide! Der
wissenschaftsgläubige und funktionalistische Reduktionismus des
postdemokratischen Zeitalters der Gegenwart verhindert vielmals das Reifen
autonomer Persönlichkeiten in verantwortungsbewußten Gemeinschaften, die
Gerechtigkeit und Freiheit zu erzielen befähigt sind.
Es handelt sich heute zwar nicht mehr nur um die spenglersche
Lethargie einer Kultur, deren Lebenskraft am Erlöschen ist, sondern um den
Eintritt in die Phase eines Weltgeschehens, das den Rahmen überhaupt sprengt.
Propaganda, Lärm - alles appelliert weniger an das kritische Urteilsvermögen,
als vielmehr an die medial konditionierten Affekte. Politik ist lediglich noch
Ordnungselement, innerhalb dessen der Mensch sich seiner Vervollkommnung widmen
solle. Das aber führt zu einer Entrealisierung, zu politischer Apathie und
passivem Konformismus aus Mangel an klar artikulierten politischen
Alternativen, wie sie Spengler gerade in der vorliegenden Schrift zu benennen
sich mutig zeigte. Im Gegenzug dazu das Bild heute: Die Politiker bilden eine
Oligarchie der Professionellen in einem Klima der Unverantwortlichkeit
innerhalb einer pathologischen Normalität, deren suggerierende Denk-Modelle
durch einen Mangel an wahrem Interesse geprägt sind.
Diese Formen des inneren Niedergangs der Demokratie sind nicht
mehr zu ignorieren und machen sich dahingehend kenntlich, daß jenes Konstrukt, das
stets als die starke Mitte gefeiert wurde, völlig weg ist. Die
nachkriegsdemokratischen Volksparteien verlieren an Bedeutung. An ihre Stelle
drängt ein apathisches Potential von Nichtwählern von 30 Prozent sowie von 10-15
Prozent an Protestwählern. Richtige Mehrheiten hat es lange nicht mehr gegeben.
Gerade deshalb ist die Politik gefordert, Alternativen anzunehmen, neu zu
entstehen, durch eine Revitalisierung der gesellschaftlichen Bindungen und der
Belebung einer politischen Dimension des Sozialen jenseits einer karikativen
Humanität, vor dem Hintergrund lokaler Autonomie, partizipativer Demokratie und
einer besonderen Wertigkeit der lokalen Ebene.
Die vorliegende Schrift ist damit kurz vor der
Bundestagswahl 2009 höchst aktuell, weil sie kein Blatt vor den Mund nimmt und
parlamentarische Mißstände gnadenlos anprangert. Dazu liefert sie als bedeutende
Streitschrift der Weimarer Jahre mit ihrem fundierten Vorwort des Herausgebers
einen ideengeschichtlichen Einstieg und entspricht dem Keim des bekannten
Hauptwerkes Oswald Spenglers.
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