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Die Sündentochter von Sandra Lessmann



Die Sündentochter von Sandra Lessmann
Die Sündentochter
Sandra Lessmann
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-10: 3426629690
ISBN-13: 978-3426629697
604 Seiten
8,95 Euro



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Rezension von Edelgard Kleefisch

Nach dem Lesen dieses Buches muss ich die Messlatte für gute historische Kriminalromane deutlich anheben. „Die Sündentochter“ ist bei weitem der beste Roman dieses Genre, den ich bisher gelesen habe. Die Suchtgefahr ist enorm und so ist es nicht verwunderlich, dass ich schon sehr ungeduldig auf ein neues Werk der Autorin warte.

Die Handlung spielt in London, 1666. Anne Laxton muss mit ansehen, wie ihre Mutter, die Hebamme Margret Laxton, in eine Falle gelockt und kaltblütig umgebracht wird. Sie kann die Flucht ergreifen und läuft zum Glück Richter Orlando Trelawney und seinem Diener in die Arme. Dem treuen Diener Malory gelingt es zwar den Mörder in die Flucht zu schlagen, wird dabei aber selbst verletzt. Gemeinsam mit seinen Freunden, dem Arzt Jeremy Blackshaw und dem untergetauchten Priester Alan Rigdeway, der ebenfalls als Arzt arbeitet, will der Richter das mysteriöse und sinnlos scheinende Verbrechen aufklären. Anne Laxton ist sehr verschlossen und wenig hilfsbereit Klarheit ins Motiv zu bringen und das obwohl sie selbst noch im Visier des Mörder zu stehen scheint. Als die vermeintliche Jungfrau Anne den Arzt Alan Rigdeway bei einer Untersuchung verführt, wird diesem die bereits bestehende Schwangerschaft untergeschoben und damit zur Heirat gezwungen. Das Geheimnis um diese Schwangerschaft wird immer undurchsichtiger, aber dass sie mit dem Tod der Hebamme in Verbindung steht wird zunehmend deutlicher.

Sandra Lessmanns sympathischer Schreibstil lässt den Leser ins 17. Jahrhundert eintauchen, ohne ihn mit historischen Fakten zu überschütten. Die Charaktere der Figuren sind einfach, sodass man schnell ins Geschehen findet und unaufhaltsam und ungestört von den Ereignissen gefesselt wird. Die Autorin hat viele Jahre in London gelebt. Ihr Geschichtsstudium, mit Schwerpunkt englischer Geschichte und ihre Arbeit als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Geschichte der Medizin fließen ebenso wie die Verbundenheit zu London in ihren Roman ein. Insbesondere die detailreichen Schilderungen der Handlungsorte lassen dies den Leser spüren. Geschickt eingewebt in die Handlung wurde der große Brand von London, der den Leser dramatische Schicksale miterleben lässt. Dass die Autorin gute und intensive Recherchearbeit geleistet hat, wird im Nachwort deutlich. Auch nicht selbstverständlich für einen historischen Roman, die Auflistung der Literaturquellen, die man ebenso im Anhang findet.
Fazit: Brillanter historischer Roman, der es verdient in den Bestseller-Listen zu erscheinen.

Biografie:
Sandra Lessmann wurde 1969 in Düsseldorf geboren. Kurz nach ihrer Volljährigkeit zog sie nach London und arbeitete dort als Zimmermädchen.Nach ihrer Rückkehr begann sie zu studieren. 2003 schloss sie ihr Magisterstudium in Geschichte, Anglistik und Kunstgeschichte ab.Sie arbeitete zunächst als studentische und heute als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität.Sie ist Mitglied der Historical Novel Society, der Catholic Record Society und im Syndikat (Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur).

Leseprobe – Die Sündentochter
Mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Droemer/Knaur.
http://www.droemer-knaur.de

Dezember 1665
Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Nun, da es vorbei war, verließen sie schlagartig die Kräfte. Ihre Knie gaben nach, und sie glitt an der Wand des Schuppens zu Boden. Die eisige Kälte, die in die nackte Haut ihrer Schenkel biss, erreichte ebenso wenig ihr Bewusstsein wie der Schmerz, der ihren Körper durchbohrte. Wie gelähmt saß sie da, ohne sich zu rühren, ohne etwas zu fühlen …

Ein fernes Geräusch ließ sie zusammenfahren. Er kommt zurück! Ihr Herz begann wild zu schlagen. Mit fahrigen Händen raffte sie ihr Hemd über der Brust zusammen, um ihre Blöße zu bedecken, und zog hastig ihr Mieder zurecht. Sie wollte aufspringen und weglaufen, doch ihre Beine bewegten sich nicht. Wie ein in die Enge getriebenes Tier presste sie sich in eine Ecke des Schuppens, den Blick wie gebannt auf die Tür gerichtet. Doch nichts geschah. Er kam nicht zurück. Er hatte bekommen, was er wollte. Aber morgen oder übermorgen würde er ihr wieder auflauern … und er würde es wieder und wieder tun!

Allmählich begann sie die Kälte zu spüren, die aus der Erde in ihre Haut drang. Sie versuchte, die verrutschten Wollstrümpfe über ihre Knie zu ziehen und die Strumpfbänder zu befestigen, doch ihre klammen Finger waren wie Fremdkörper an ihren Händen und wollten ihr nicht gehorchen.

»Anne! Anne!« Es war die Stimme ihrer Mutter. »Anne, wo bist du?«

Die Tür des Schuppens öffnete sich knarrend. »Anne, warum antwortest du nicht?«, fragte ihre Mutter und trat mit besorgter Miene zu ihr. Das Gesicht ihrer Tochter sagte mehr als alle Worte. »Was ist passiert? Hat er dich wieder angefasst? Hat er …?«

Da brach sich der Schrecken des Mädchens endlich in einem tiefen Schluchzen und einer Flut von Tränen Bahn. Ihre Mutter nahm sie in die Arme, presste sie an sich und versuchte, sie zu beruhigen. Immer wieder strich ihre Hand zärtlich über den Kopf ihrer Tochter.

»Ich werde ihn zur Rede stellen!«, versprach sie. »Ich werde dafür sorgen, dass er dich in Ruhe lässt. Er wird es nie wieder wagen, dich anzurühren!«

Der Schleier des Todes, der so lange über der Stadt London gelegen hatte, begann sich endlich zu lüften. Den ganzen Sommer über hatte die Pest verheerend gewütet, hatte Tausende und Abertausende unerbittlich hinweggerafft, bis sie nun mit Eintritt des Winters allmählich ihren Würgegriff lockerte. Innerhalb weniger Wochen erwachte die Geisterstadt zu neuem Leben. Viele der Bürger, die bei Ausbruch der Seuche in Panik aufs Land geflohen waren, kehrten zurück, begierig, ihre Geschäfte wieder aufzunehmen und nach ihrem Besitz zu sehen, den sie zurückgelassen hatten. Die Läden der Handwerker und Kaufleute öffneten ihre Türen, die ausgestorbenen Straßen, auf denen das Gras zwischen den Pflastersteinen gesprossen war, belebten sich neu. Die Menschen wichen einander nicht mehr aus Angst vor Ansteckung aus, sondern grüßten sich, wenn sie sich begegneten, blieben stehen und plauderten fröhlich miteinander. Der starke Schneefall, der im Februar einsetzte, bedeckte schließlich auch die Gräber der Toten auf den Kirchhöfen und entzog sie so den Blicken der Lebenden, die die schreckliche Heimsuchung vergessen und ihr Leben neu ordnen wollten. Man wagte wieder, in die Zukunft zu sehen und auf die Gnade Gottes zu hoffen.

Zwei Gestalten in wollenen Umhängen eilten durch die weißen Schleier herabfallender Schneeflocken. Ein kleiner Junge, der eine Fackel trug, ging ihnen voraus, um ihnen zu leuchten, denn es war bereits später Abend.Wohl dem, der bei diesem ungemütlichen Wetter in seinen schützenden vier Wänden vor der wärmenden Feuerstelle saß und keinen Fuß vor die Tür zu setzen brauchte. Doch Margaret Laxton konnte sich als Hebamme einen derartigen Luxus nicht leisten.Wenn man sie rief, musste sie zur Stelle sein, egal, zu welcher Tageszeit, ob bei Regen oder Schnee. Kinder richteten sich nun einmal nach keiner Uhr, sie bestimmten selbst den Zeitpunkt, zu dem sie zur Welt kommen wollten. Margaret Laxton verlangsamte ihre Schritte und blickte sich besorgt nach ihrer Tochter Anne um, die immer wieder zurückfiel. Anne war zugleich ihr Lehrmädchen und erlernte bei ihr das Handwerk der Hebamme.

»Komm, mein Kind«, rief Margaret Laxton ihr zu. »Wir dürfen den Burschen nicht aus den Augen verlieren. Dieser Lümmel hat offenbar die Absicht, uns durch halb Smithfield zu hetzen.«

Unter der Kapuze des Wollumhangs richteten sich Annes gerötete Augen mit einem gequälten Ausdruck auf sie. »Es wird alles gut«, sagte ihre Mutter tröstend. »Vertrau mir. Eins meiner Rezepte bringt alles wieder ins Lot. Nur ein bisschen Geduld, dann ist es vorbei. Und Vater wird nichts merken.«

Sie nahm die Hand ihrer Tochter und setzte sich wieder in Bewegung. AmPie Corner wartete der Fackelträger und mahnte sie ungeduldig zur Eile.

»Wie weit ist es denn noch, Junge?«, fragte Margaret Laxton. »Nur noch rechts in die Cock Lane, dann sind wir da«, erklärte er und lief ihnen wieder voraus. Die Schneeflocken fielen so dicht, dass sie seine kleine schlanke Gestalt augenblicklich verschluckten. Nur das Licht seiner Pechfackel, das wie ein Leuchtkäfer in der Luft tanzte, war noch sichtbar. Die Hebamme versuchte zu ihm aufzuschließen und zog ihre Tochter energisch hinter sich her. Doch der Junge bewegte sich bedeutend leichtfüßiger über den gefrorenen Boden als die beiden Frauen, deren Rocksäume den Schnee aufwirbelten. Durch die schwere Tasche mit den Utensilien ihrer Zunft, die Margaret Laxton über der Schulter trug, wurde es für sie noch beschwerlicher, mit dem Knaben mitzuhalten, der flink wie ein Wiesel in die Cock Lane einbog. Der Leuchtkäfer verschwand aus dem Blickfeld der Frauen. Wieder trieb die Hebamme ihre Tochter zur Eile an.

Als sie die Ecke erreichten, verlangsamte Margaret Laxton verdutzt ihre Schritte und versuchte, das Schneegestöber mit den Augen zu durchdringen. Wo war der Bengel geblieben?

»He, Bursche, wo bist du?«, rief sie, und als keine Antwort kam, begann sie, Anne an der Hand, zu laufen, um ihren Führer einzuholen. In ihrer Hast übersah sie einen Misthaufen, den einer der Hühner haltenden Anwohner in der schmalen Gasse aufgeschüttet hatte. Sie geriet ins Stolpern und wäre beinahe gefallen.

Es gelang ihr gerade noch, sich zu fangen. Keuchend blieb sie stehen und sah sich erneut verwirrt um. Dabei fiel ihr Blick auf das Ende eines Stocks, der aus dem Unrathaufen herausragte. Sie zog ihn heraus und berührte mit der Hand vorsichtig das andere Ende. Es war warm und klebrig und roch stark nach verbranntem Pech.

»Was hat das zu bedeuten?«, murmelte sie verständnislos. Warum hatte der Junge seine Fackel gelöscht? Und wohin war er verschwunden?

»Mum, was ist denn?«, fragte Anne beunruhigt.

»Ich weiß es nicht, mein Liebes. Ich weiß es nicht …«

Irgendwo schnaubte ein Pferd. Margaret Laxton wandte den Kopf und spitzte die Ohren, um festzustellen, aus welcher Richtung der Laut kam.

»Ich glaube, da ist jemand hinter uns«, sagte sie leise und zog ihre Tochter mit sich fort. »Gehen wir weiter. Das Ganze ist mir nicht geheuer.«

Anne folgte ihr stumm, während die Hebamme sich immer wieder umdrehte und zurückblickte. Und mit einem Mal sah sie etwas: Eine dunkle Gestalt trat aus der Finsternis der Häuserreihe in die Gasse hinein, ein Mann in einem Umhang mit einem tief ins Gesicht gezogenen Hut. Sein Anblick war so unheimlich, dass Margaret Laxton innehielt und wie gebannt zu ihm hinüberstarrte.

»Der Teufel …«, hauchte sie.

Die Gestalt bewegte sich, ein Arm verschwand unter dem Umhang und wurde kurz darauf wieder sichtbar, streckte sich ihnen entgegen…ein Funke blitzte auf, ein lauter Knall ertönte…Margaret Laxton brach zusammen, zu überrascht, um einen Laut von sich zu geben. Sie war tot, bevor ihr Körper auf dem Boden aufschlug

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