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Die Richter des Königs von Sandra Lessmann




Die Richter
Die Richter des Königs
Sandra Lessmann
ISBN-10: 3426629607
ISBN-13: 978-3426629604
560 Seiten
8,95 Euro


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Rezension von Edelgard Kleefisch

Jeremy Blackshaw, ein gelehrter Arzt darf aufgrund der politischen Lage seiner Berufung als katholischer Priester nicht folgen und beschließt daher sich als Wundarzt um die Bürger von London zu kümmern. Als Richter Sir Orlando schwer erkrankt, wird er zu seiner Behandlung herangezogen. Orlando ist zunächst schockiert, als er erfährt, dass Jeremys Katholik ist, entwickelt jedoch schnell eine Vertrautheit zu ihm. Er schätzt seinen Scharfsinn und bittet ihn daher, ihn bei der Aufklärung eines Giftmordes zu unterstützen. Dabei stellen sie fest, dass auch der Richter im Visier des Täters stand und es sich bei der Erkrankung um einen heimtückischen und geplanten Mordversuch handelte. Der Mörder hat es auf weitere Mitglieder des Gerichts abgesehen. Der junge schnell aufbrausende Ire Breandàn gerät in Verdacht hinter diesen Verbrechen zu stehen. Doch Jeremy Blackshaw ist anderer Meinung.


Schöner kann Historie nicht erzählt werden. „Die Richter des Königs“ ist das beeindruckende Erstlingswerk von Sandra Lessmann, mit Schauplatz in England. Die Autorin, die einige Jahre in England gelebt hat, verfügt über einen unglaublich lebendigen und natürlichen Erzählstil und lässt den Leser so unaufhaltsam in das Jahr 1665 abgleiten. Spannung, ein Hauch von Romantik und Erotik beleben den Roman derart, dass keine Langeweile aufkommt. Sicherlich sind manche Schilderungen, wie Folterungen und Hinrichtungen, oder die Zustände in dem Newgate Gefängnis nichts für zart besaitete Leser, aber sie gehörten nun einmal zu dieser Zeit. Der Lebensraum der Protagonisten wird sehr anschaulich und glaubhaft beschrieben, der schwere Alltag dieser Zeitepoche mit sehr viel Einfühlungsvermögen dargestellt. Sehr beeindruckend sind die Schilderungen des Pestausbruches und die furchtbaren Leiden und Hoffnungen der Erkrankten. Die Autorin beweißt Einfühlungsvermögen und bringt dies sehr gut zu Papier.


Fazit: Ein in Stil und Inhalt voll gelungener und meisterhafter Roman. Ein Lesegenuss ersten Ranges und ein Muss für Liebhaber dieses Genres.

Homepage der Autorin: www.sandra-lessmann.de

Biografie:
Sandra Lessmann wurde 1969 in Düsseldorf geboren. Kurz nach ihrer Volljährigkeit zog sie nach London und arbeitete dort als Zimmermädchen.Nach ihrer Rückkehr begann sie zu studieren. 2003 schloss sie ihr Magisterstudium in Geschichte, Anglistik und Kunstgeschichte ab.Sie arbeitete zunächst als studentische und heute als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität.Sie ist Mitglied der Historical Novel Society, der Catholic Record Society und im Syndikat (Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur).


Leseprobe – Die Richter des Königs
Mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Droemer/Knaur.
www.droemer-knaur.de

Erstes Kapitel

1664
Der alternde Taschendieb Jack Einauge erreichte den verabredeten Treffpunkt in Whitefriars beim zehnten Glockenschlag. Der aufgehende Mond tauchte die Ruinen des ehemaligen Karmeliterklosters in ein silbernes Licht, das hell genug war, so dass man sich auch ohne Laterne zwischen dem herumliegenden Bauschutt und zerbröckelnden Gestein zurechtfinden konnte. Hier war man vor neugierigen Augen so gut wie sicher. Nur ein paar Bettler, die keine andere Unterkunft fanden, hausten in dem zugigen Gemäuer. Irgendwo in einer Ecke des Chors hustete sich einer dieser armen Schlucker die Seele aus dem Leib. Einauge achtete nicht darauf. Ungeduldig rieb er sich die knotigen Hände. Die Zeiten, als seine flinken Finger die Beutel wohlhabender Bürger unbemerkt von deren Gürteln schneiden konnten, waren seit langem vorüber. Das Werkzeug seiner Zunft war nutzlos geworden, und an manchen Tagen gelang es ihm nicht einmal mehr, einen Humpen Ale zu heben. Die Erkenntnis, dass er langsam aber sicher zum Krüppel wurde, hatte seinen Gaunerstolz gebrochen. Um nicht zu verhungern, übernahm er mittlerweile jede Arbeit, die er kriegen konnte.

"Hast du die Liste?", fragte unvermittelt eine Stimme aus dem Halbdunkel einer Mauernische.

Einauge fuhr erschrocken herum und musterte die Gestalt, die in einen langen Kapuzenmantel gehüllt war. "Bei Christi Blut! Ihr schleicht wie eine Katze. Hätte mir fast die Hosen nass gemacht!"

"Hasenfuß! Heb dir das für den Tag auf, an dem man dich hängt. Hast du die Namen besorgt?"

"Ja."

"Dann gib sie mir!"

"Erst das Geld."

Aus der Nische wurden ihm einige Münzen entgegengeworfen. Er versuchte, sie zu fangen, doch es misslang ihm kläglich. Fluchend kniete er sich auf den Boden und sammelte sie eine nach der anderen ein. Nachdem er sie begutachtet hatte, nickte er zufrieden. "Ihr seid recht freigiebig. Ich versteh' Euch nicht. Wozu braucht Ihr mich, um die Namen rauszufinden? Es gibt doch Protokolle, wo man so was nachlesen kann." Der Taschendieb grinste breit. "Aber vielleicht wollt Ihr nicht beim Rumschnüffeln erwischt werden. Habt irgendeine Gaunerei vor, was?"

"Das geht dich nichts an, mein Lieber."

"Offen gesagt will ich's auch gar nicht wissen. Hier habt Ihr die Liste."

Einauge griff in seine zerschlissene Kniehose, holte ein schmutziges Stück Papier hervor und legte es in die Hand, die sich ihm entgegenstreckte. Das Mondlicht reichte gerade aus, um das Geschriebene zu entziffern.

"Das sind nicht alle, Einauge. Was ist mit dem Wundarzt?"

"Nichts zu machen. Der Bursche, der mir die Namen aufschrieb, konnte sich nicht erinnern, wie er hieß. Es ist zu lange her. Und ich glaube, einer der Richter ist vor ein paar Monaten gestorben."

Ohne es zu sehen, ahnte Einauge, dass sich die Lippen, die im Schatten der Kapuze lagen, zu einem kalten Lächeln verzogen.

"Das scheint Euch nicht besonders zu betrüben", bemerkte er sarkastisch.

"Warum sollte es?", war die ungerührte Antwort. "Jeder bekommt nur, was er verdient."

Auch ein abgefeimter Spitzbube wie Jack Einauge konnte sich beim Klang dieser eisigen Stimme eines Schauderns nicht erwehren. Es lag eine unerschütterliche Entschlossenheit darin, die selbst ihm unheimlich war.

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Der sommerliche Regenschauer hatte nachgelassen. Ein schmaler Riss in der grauen Wolkendecke gab den Blick auf den blauen Himmel frei. Doch die Sonnenstrahlen erreichten nur vereinzelt die Gassen des Londoner Stadtkerns, die von den weit vorspringenden Giebeln der Häuser beschattet wurden.

Der Wundarzt Alan Ridgeway gab seinem Gesellen noch einige Anweisungen, bevor er seine Chirurgenstube verließ und auf die Paternoster Row hinaustrat. Dabei stolperte er über einen Haufen Unrat, den sein Nachbar auf dem Kopfsteinpflaster zusammengefegt hatte, und stieß einen Fluch aus. Es erforderte schon eine gewisse Behändigkeit, sich in den vom Kehricht und Dung der freilaufenden Schweine verschmutzten Straßen fortzubewegen, ohne sich die Kleider zu ruinieren, besonders wenn der Regen den Dreck in Morast verwandelt hatte.

Da kein Fuhrwerk kam, balancierte Alan vorsichtig über die offene Abflussrinne in der Mitte der Straße und bog in die schmale Ave Maria Lane ein. An der Ecke präsentierte sich ihm ein Schauspiel, das ihn lächelnd im Schritt verhalten ließ. Eine dralle Milchmagd beugte sich gerade vor, um das Joch, an dem sie die Eimer trug, wieder auf ihre Schultern zu heben. Dabei hüpften ihr die runden Brüste regelrecht aus dem Mieder, und Alan konnte nicht widerstehen, sie mit den Händen aufzufangen. Die Milchmagd zuckte nicht zurück, sondern kicherte vergnügt, denn sie war seine forsche Art gewöhnt.

"Aber, aber, Meister Ridgeway", gluckste sie, während er ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab.

Obwohl schon sechsunddreißig Jahre alt und in der Chirurgengilde fest etabliert, war Alan noch immer Junggeselle. Trotzdem dachte er nicht daran, ein keusches Leben zu führen. Die junge Milchmagd war eine von mehreren willigen Frauen in der Nachbarschaft, mit denen er hin und wieder ein Schäferstündchen verbrachte. Dafür behandelte er sie kostenlos, wenn sie Beschwerden hatten.

Alan wollte eben seinen Weg fortsetzen, als eine vertraute Stimme in seinem Rücken erklang: "Ihr seid wirklich unverbesserlich. Noch immer derselbe Schürzenjäger!"

Überrascht fuhr Alan herum und betrachtete mit gerunzelter Stirn den ganz in Schwarz gekleideten Mann, der hinter ihm stand. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein Prediger oder ein Kaufmann mit puritanischen Prinzipien, denn seine strenge dunkle Aufmachung wurde nur von einem schlichten weißen Leinenkragen aufgehellt. Doch der Schein trog. Alan wusste, dass der Mann, wie er selbst auch, dem römisch-katholischen Glauben angehörte, denn er erkannte in ihm einen alten Kameraden aus dem Bürgerkrieg.

"Jeremy! Jeremy Blackshaw! Aber wie ist das möglich? Ich glaubte Euch seit langem tot! Seit der Schlacht von Worcester vor dreizehn Jahren, um genau zu sein."

"Wie Ihr seht, bin ich am Leben", erwiderte der andere lächelnd. "Aber ich war lange auf Reisen und bin erst vor zwei Jahren nach England zurückgekehrt."

Alan strahlte vor Freude über das ganze Gesicht und umarmte seinen langvermissten Freund. Sie hatten beide in der royalistischen Armee als Feldscher gedient. Nach der Schlacht von Worcester im Jahre 1651, bei der Alan von den Anhängern des Parlaments gefangen genommen worden war, hatten sie sich aus den Augen verloren. Es erschien ihm wie ein Wunder, den Kameraden von damals lebendig wiederzusehen.

"Wo wohnt Ihr?" fragte Alan wissbegierig.

"Im Moment in der Pfauenschenke."

"Dann nehmt morgen früh mit mir dort den Morgentrunk ein. Ich möchte hören, wie es Euch in all der Zeit ergangen ist. Leider bin ich sehr in Eile, sonst hätte ich Euch gebeten, mit mir essen zu gehen. Aber ich muss zu einer Sektion."

Jeremy Blackshaw zog interessiert die Augenbrauen hoch. "Eine Anatomievorlesung?"

"Nein, es geht um einen mysteriösen Todesfall. Der Leichenbeschauer hat eine Untersuchung angeordnet."

"Ich verstehe. Treffen wir uns also morgen in der Pfauenschenke. Sicher werdet Ihr mir ebenso viel zu erzählen haben wie ich Euch."


Alan eilte mit einem Lächeln auf den Lippen davon. Er hatte die Neugierde in Jeremys Augen aufblitzen sehen, ein Ausdruck, der ihm vertraut war, denn sein alter Freund hatte schon damals nichts so sehr geliebt wie ein kniffliges Rätsel. Und er hatte auch von jeher eine besondere Begabung gehabt, Probleme allein durch logische Schlussfolgerungen zu lösen.





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Die Leichenschau wurde im Hinterzimmer einer Schenke durchgeführt. Hier würde später auch die Anhörung stattfinden, bei der eine Jury nach Betrachtung der Tatbestände über die Todesursache entschied. So war es in England Brauch. Bei Alans Eintreffen waren bereits drei Männer anwesend: ein Chirurg, der ihm zur Hand gehen sollte, ein akademisch ausgebildeter Arzt und der Leichenbeschauer John Turner. Die Medizin teilte sich schon seit mehreren hundert Jahren in zwei Aufgabenbereiche: Während die handwerklich ausgebildeten und in Zünften organisierten Wundärzte nur äußerliche Behandlungen durchführten, widmeten sich die Doctores, die an der Universität studiert hatten, den inneren Krankheiten. So würde auch bei der Untersuchung des Leichnams Dr. Wilson die Chirurgen nur aus dem Hintergrund beaufsichtigen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Doch Alan war die Hochnäsigkeit der studierten Ärzte gewöhnt und bemühte sich, sie zu ignorieren. Man wartete nur noch auf den Richter Sir Orlando Trelawney, der darauf bestanden hatte, der Sektion beizuwohnen. Der Tote lag aufgebahrt auf einem groben Holztisch nahe der Fenster. Alan und der andere Chirurg machten sich daran, ihn zu entkleiden und zu waschen, als der Richter in der Tür erschien. Trelawney war ein ungewöhnlich hoch gewachsener Mann mit kräftigem Knochenbau, dazu war er sehr schlank, was ihn noch größer wirken ließ. Das Gesicht mit den ausgeprägten Zügen, den kühlen blauen Augen und den fleischigen Lippen strahlte Willensstärke und Intelligenz aus. Eine blonde gelockte Perücke umrahmte es wie eine Löwenmähne.

Sir Orlando Trelawney vermied es, den Toten anzusehen, und heftete den Blick stattdessen auf die vier Männer, die ihn erwarteten.

"Seid Ihr sicher, dass Ihr zusehen wollt, Mylord?", fragte Turner.

Trelawney nickte. Er hatte noch nie einer Leichenöffnung beigewohnt und verspürte bei dem Gedanken daran ein leichtes Grausen. Im Gegensatz zum Kontinent, wo die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V., die Carolina, gerichtsmedizinische Untersuchungen vorschrieb, waren in England Sektionen zur Feststellung der Todesursache nicht üblich. Es war Aufgabe des Leichenbeschauers, der gewöhnlich weder über medizinische noch juristische Kenntnisse verfügte, zu entscheiden, ob ein Verbrechen vorlag oder nicht. Und da dieser schlecht bezahlte Beamte keine zusätzliche Vergütung für eine Untersuchung erhielt, nahm er diese nur vor, wenn es bereits einen Mordverdächtigen gab, denn bei dessen Verurteilung fiel dem Leichenbeschauer ein Teil seines Besitzes zu.

Als Richter des Königlichen Gerichtshofs bedauerte Sir Orlando die Rückständigkeit der englischen Verhältnisse. Allein die Zahl der Giftmorde, die aus diesem Grund unentdeckt blieben, waren unmöglich abzuschätzen. Im vorliegenden Fall hatte Trelawney ein persönliches Interesse an einer genauen Untersuchung, denn der Tote auf dem Tisch war kein Unbekannter, sondern ein Freund und Kollege: Baron Thomas Peckham, Richter des Finanzgerichts.

"Ihr könnt anfangen", verkündete Sir Orlando, während er seinen Hut und Umhang über einen Schemel warf.

Dabei schnappte er Alan Ridgeways zweifelnden Blick auf. Dieser war seit langem mit dem Richter bekannt und wusste daher, welch schwere Zeit Trelawney gerade durchmachte. Vor wenigen Wochen erst war seine Gemahlin nach einer Fehlgeburt gestorben. Sie ließ ihn kinderlos zurück. In den fünfzehn Jahren ihrer Ehe hatten sie einen schwächlichen Säugling nach dem anderen zu Grabe getragen. Nun blieb ihm nur noch seine Nichte, eine zänkische Jungfer, die er seit längerem vergeblich zu verheiraten versuchte und die ihm widerwillig den Haushalt führte.

Die Nachricht von Peckhams Tod hatte Sir Orlando in seiner Trauer umso härter getroffen. Der Baron war vor einer Woche an einer milden Kolik erkrankt und von einem Arzt behandelt worden. Obwohl es ihm kurz darauf bereits besser gegangen war, hatte er eines Morgens einen heftigen Anfall erlitten und war nach furchtbarem Leiden noch am selben Abend gestorben. Die Plötzlichkeit seines Todes erschien der Ehefrau so verdächtig, dass sie sich an Trelawney wandte und ihn um Rat fragte. Sie befürchtete, dass der Arzt ihrem Mann ein falsches Medikament verabreicht hatte, und wollte Klarheit gewinnen. Der Richter informierte daraufhin den Leichenbeschauer, der allerdings Zweifel äußerte, ob eine Sektion ein eindeutiges Ergebnis bringen würde. Doch Trelawney war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, und entschied sich, bei der Leichenöffnung anwesend zu sein, um dafür zu sorgen, dass sie sorgfältig durchgeführt wurde, auch wenn weder er noch der Leichenbeschauer oder die Chirurgen so recht wussten, wonach sie suchen sollten.

Sir Orlando zwang sich, in das Gesicht des Toten zu sehen, das wie aus Wachs geformt schien. Die Leblosigkeit der Züge machte es dem Richter schwer, in dem Leichnam seinen Amtsbruder wiederzuerkennen. Wie von selbst wanderte sein Blick zu Alan Ridgeway, der das Äußere der Leiche einer genauen Begutachtung unterzog. Trelawney kannte den jungen Mann als begabten Wundarzt, der seinem Handwerk mit Hingabe nachging, aber deutlich an der Unzulänglichkeit seines medizinischen Wissens litt. Gegen die meisten Krankheiten war er machtlos.

Wie gebannt fixierte Sir Orlando Alan Ridgeways Profil mit der geraden Nase und den schmalen Lippen, nur um nicht auf den Leichnam blicken zu müssen. Kohlschwarzes glattes Haar, das nur an den Schläfen von einigen silbernen Fäden durchsetzt war, fiel dem Chirurgen bis auf die Schultern herab, auf Kinn und Wangen lag ein dunkler Bartschatten, der sich von seiner weißen Haut abhob. Sorgfältig drehte er den Toten hin und her, damit ihm kein Hinweis entging. Das einzig Auffällige war die seltsame, nach innen gekrümmte Stellung der Finger und Zehen: Peckham war unter schmerzhaften Krämpfen gestorben.

Trelawney stieß einen tiefen Seufzer aus. Wieder traf ihn ein besorgter Blick aus Alans bleigrauen Augen. Und wieder nickte der Richter störrisch wie ein Kind, das entgegen alle Vernunft seinen Mut beweisen will.

Alan schüttelte missbilligend den Kopf und beugte sich mit einem Messer in der feingliedrigen Hand über den Toten. Zuerst machte er mit der Spitze der Klinge einen Einschnitt in das Bauchfell des Leichnams. Dann schob er zwei Finger in das so entstandene Loch und löste die Bauchdecke von den Eingeweiden, um sie beim Aufschneiden nicht zu verletzten. Als der Bauch auseinander klaffte, wurde unter der Haut die gelbe Fettschicht sichtbar. Es folgte ein zweiter horizontaler Schnitt, so dass die Form eines Kreuzes entstand.

Der Wundarzt entfernte nacheinander Milz, Nieren, Zwölffingerdarm und Magen und schnitt jedes Organ auf. Im Innern des Magens befand sich ein dunkelgrauer Rückstand, außerdem waren die Wände stark entzündet. Daraufhin öffnete Alan auch den Schlund und die Speiseröhre, die ebenfalls eine auffällige Rötung zeigten. Der Arzt und die Chirurgen kamen überein, dass der Baron unzweifelhaft an einer giftigen Substanz gestorben war, konnten jedoch nicht sagen, worum es sich dabei handelte. Alan nahm eine Probe des Mageninhalts, bevor er die Organe in den Körper zurücklegte und ihn wieder zunähte.

Trelawney hatte schweigend zugesehen und sich in die Diskussion nicht eingemischt. Unter seiner langen blonden Perücke war er so bleich geworden wie der Tote.

Alan fragte sich unwillkürlich, weshalb der Richter sich zugemutet hatte, der Zergliederung eines Freundes zuzusehen, obwohl es nicht zu seinen Pflichten gehörte. Aber Sir Orlando war für seine Gewissenhaftigkeit bekannt. Er überzeugte sich lieber mit eigenen Augen, als sich auf die Aussagen anderer zu verlassen. Trelawney gehörte zu den Menschen, die strenge Prinzipien hatten und diesen auch in schwierigen Zeiten treu blieben. Sein Vater, ein Landedelmann aus Cornwall, hatte ihn als Kind auf die St.-Paul's-Schule in London und später auf das Emanuel College in Cambridge geschickt. Darauf folgte ein Studium der Jurisprudenz am Inner Temple. Der Bürgerkrieg zwischen König und Parlament machte Trelawneys Laufbahn als Advokat jedoch ein frühzeitiges Ende. Er diente zwei Jahre als Offizier im königlichen Heer, bevor er gefangen genommen wurde und einige Zeit im Tower verbringen musste. Nach der Hinrichtung König Charles' I. übernahm Oliver Cromwell die Macht und verwandelte England in eine Republik. Als Royalist konnte Trelawney seine Regierung nicht als gesetzmäßig anerkennen und arbeitete fortan zurückgezogen als außeramtlicher Rechtsberater. Bei der Wiederherstellung der Monarchie im Jahre 1660 belohnte der neue König Charles II. diese Loyalität, indem er Trelawney und einige andere Juristen bei den Gerichtsverfahren gegen die Königsmörder zu Vertretern der Anklage berief. Danach wurde er zum Richter des Court of King's Bench, des Königlichen Gerichtshofs, ernannt und erhielt den Ritterschlag. Seitdem galt er nicht nur in London als unbestechlicher Richter, dem das Schicksal der Angeklagten, die vor ihm erschienen, nicht gleichgültig war - eine Seltenheit in dieser Zeit!

Und aus diesem Grunde schätzte auch Alan ihn sehr.

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