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Die Pilgerin von Iny Lorentz




Die Pilgerin
Die Pilgerin
Iny Lorentz
Verlag: Knaur
ISBN-10: 3426662493
ISBN-13: 978-3426662496
702 Seiten
16,90 Euro


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Rezension von Edelgard Kleefisch


Von der Sorge um sein Seelenheil getrieben, hat Tillas Vater bestimmt, dass sein Herz nach seinem Tode nach Santiago de Compostela gebracht werden soll. Auch plante der Kaufmann, dass seine Tochter Damian Laux, den Sohn des Bürgermeisters, heiraten solle. Doch nach seinem Tod kommt alles anders. Der Bruder widersetzt sich dem Letzten Willen seines Vaters. Ohne die Trauerzeit einzuhalten, zwingt Tillas Bruder sie zur Hochzeit mit Veit Gürtler. Dieser stirbt noch in der Hochzeitsnacht. Tilla kann nun weder zurück in ihr Elternhaus, noch kann sie sich eine Zukunft im Hause Gürtler vorstellen. Da schmiedet sie kurz entschlossen den Plan, das Herz ihres Vaters, nach Santiago, zum Grab des Heiligen Jakobus zu bringen. Da sie ihre Pilgerreise als Mann verkleidet antritt, muss sie manche Strapazen über sich ergehen lassen, um ihre Tarnung nicht zu verlieren.

Tilla entwickelt sich zunehmend zur mutigen und aufopfernden Hauptfigur dieses Romans. Sie gewinnt an Stärke und Ausdauer. So schafft sie es, obwohl sie vom Hunger ausgezerrt ist, das schwere Pilgerkreuz zu tragen. Ihr durchaus als heldenhaft zu bezeichnendes Verhalten stellt manche männliche Romanfigur in den Schatten und nach einigen Seiten fiebert man mit der sympathischen Protagonistin, dass sie ihr Ziel unbeschadet und erfolgreich erreichen möge. Doch das Autorenehepaar Iny und Elmar Lorentz, die zusammen unter dem Namen Iny Lorentz schreiben, haben für die junge Pilgerin einige Abenteuer auf ihrer Reise vorgesehen, die Spannung versprechen. Beim Lesen des Buches kommt zu keiner Zeit Langeweile auf. Einmal mit dem Lesen begonnen, möchte man es am liebsten nicht mehr aus der Hand legen, bevor die letzte Seite erreicht ist. Der Stil erinnert stellenweise an „Die Wanderhure“, dies ist aber keinesfalls nachteilig zu sehen. Auch in diesem Roman sind wieder Abenteuer und Erotik der mittelalterlichen Zeit angemessen gepaart. Der Zeitpunkt, einem Roman das Thema pilgern auf dem Jacobsweg zu widmen kann nicht besser gewählt sein. Mancher Zeitgenosse berichtet aktuell über seine Erfahrungen und zieht interessierte Leser magisch an.

Fazit: Faszinierende und überzeugende Schilderung einer Pilgerreise im Mittelalter mit gutem Unterhaltungswert.



Leseprobe – Die Pilgerin


Mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Droemer/Knaur.
http://www.droemer-knaur.de

Die Vorhänge waren so fest zugezogen, als könne der feinste Sonnenstrahl dem Kranken schaden, und die Flamme der Öllampe neben dem Bett vermochte die Kammer kaum zu erhellen.

So trüb wie das Licht war auch die Stimmung der vier Personen, die sich um Eckhardt Willingers Krankenlager versammelt hatten und auf ihn hinabblickten.

Der Kaufherr lag regungslos unter seiner Decke, und nur das leichte Heben und Senken seines Brustkorbs verriet, dass er noch atmete. Mit einem Mal aber fuhr er hoch, als wäre er aus einem tiefen Schlaf aufgeschreckt worden, und packte den Arm des Arztes mit ausgemergelten, zu Krallen gebogenen Fingern.

»Sorge dafür, dass ich wieder auf die Beine komme! Ich zahle dir, was du willst. Ich brauche noch ein Jahr! Oder zumindest ein halbes! Dann kann ich in Frieden ruhen.«

Willingers Stimme, die vor wenigen Wochen noch den Ratssaal der Stadt ausgefüllt hatte, klang dünn und zittrig und seine blassblauen Augen waren weit aufgerissen. Die Furcht vor dem Tod schien ihn in einem weit höheren Maße gepackt zu haben, als man es von einem Mann erwartete, der mit klarem Blick und kühlem Verstand eines der größten Handelshäuser seiner Heimatstadt aufgebaut hatte.

Tilla, die Tochter des Kranken, maß Lenz Gassner mit zweifelndem Blick, denn sie hielt nicht viel von der Wirksamkeit seiner Heilkunst. Nach ihrem Empfinden lagen schon viel zu viele Leute auf dem Kirchhof, denen der Arzt ein langes Leben prophezeit hatte. Doch wider alle Erfahrung hoffte sie, er könne ihrem Vater wenigstens zu diesem einen Lebensjahr verhelfen. Lenz Gassner war ein hochgewachsener Mann im dunklen Talar eines Gelehrten mit dem überlegenen Habitus eines Mannes, der sich im Besitz größeren Wissens wähnt als andere. Mit einem beruhigenden Lächeln löste er Willingers Hand von seinem Arm und nahm ein kleines, mit einer dunklen Flüssigkeit gefülltes Fläschchen aus seiner Tasche. »Dieses Mittel hilft Euch gewiss wieder auf die Beine, Willinger. Es ist echter Theriak, zubereitet vom Leibarzt des bayerischen Herzogs Stephan. Dieses Mittel hat, wie ich bemerken darf, Seine Durchlaucht bereits zwei Mal von der Schwelle des Todes zurückgeholt.«

Seine Worte hallten misstönend in Tillas Ohren, denn sie gaben ihr das Gefühl, er nähme die Krankheit ihres Vaters nicht ernst.

Da sie den Siechen pflegte, wusste sie, wie hinfällig er inzwischen geworden war, und fleißiges Beten schien ihr ein besseres Mittel gegen das den Kranken von innen verzehrende Fieber zu sein als Lenz Gassners Tinkturen. Eckhardt Willinger aber versetzte die Aussicht auf die Medizin des Herzogs in freudige Erregung, und er nahm ein wenig Farbe an. »Danke, mein Guter! Ich muss wieder gesund werden, denn ich habe noch etwas Wichtiges zu erledigen, bevor ich vor unseren Herrn Jesus Christus treten kann!«

Er zwinkerte dem Arzt wie einem Mitverschworenen zu und winkte ihm, noch näher zu kommen. Gassner aber schien seinen eigenen Kenntnissen zu misstrauen, denn er trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Ich muss einfach gesund werden«, wiederholte der Kranke.

»Vor Jahren habe ich eine Wallfahrt zum Grabe des heiligen Apostels Jakobus in Spanien gelobt, und dieses Versprechen muss ich halten. Wenn ich dort bin, mag der Himmel mich zu sich nehmen, aber nicht früher.«

Während Willinger schwer atmend auf sein Kissen zurücksank, schnaubte sein Sohn Otfried verächtlich. »Ich hoffe, Ihr könnt meinem Vater helfen, Medicus. Er ist von dieser Wallfahrt so besessen, als hinge die ewige Seligkeit davon ab.«

Tilla fuhr zornig auf. »Da diese Wallfahrt für Vaters Seelenheil notwendig ist, müssen wir ihn mit allen Kräften unterstützen! Du aber tust gerade so, als handele es sich um eine Narretei und nicht um ein heiliges Versprechen.«

Der vierte Besucher an Willingers Bett, ein untersetzter, älterer Mann mit faltigem Gesicht und dünnen, grauen Haaren, nickte Tilla zu. »Du hast Recht, mein Kind. Keine Wallfahrt ist eine Narretei!«

»Aber muss es gleich Santiago de Compostela sein? Das liegt doch beinahe am Ende der Welt! Eine Wallfahrt zum heiligen Kilian in Würzburg oder meinetwegen auch nach Trier zum Heiligen Rock würde wirklich genügen.«

Tilla biss sich auf die Lippen, um nicht mit Worten herauszuplatzen, die nur zu einem weiteren Streit mit ihrem Bruder führen würden, und atmete tief durch. »Vater hat nun einmal versprochen, zum Grab des Apostels Jakobus zu pilgern!«

Ihr Bruder winkte ab. »Den Weg wird er ohnehin nicht mehr schaffen. Er soll froh sein, wenn er überhaupt am Leben bleibt.«

Das klang so herzlos, dass der ältere Herr verärgert den Kopf schüttelte. Wohl wusste er, dass nicht alles eitel Freude war im Hause Willinger, doch dem Sohn hätte etwas mehr Ehrfurcht vor dem Vater durchaus angestanden. Otfrieds Worte wären auch außerhalb des Krankenzimmers ungehörig gewesen, sie aber dem Vater ins Gesicht zu sagen, zeugte von einem erschreckenden Mangel an der gebotenen Ehrfurcht.




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