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Alfred Schuler: Gesammelte Werke




Alfred Schuler: Gesammelte Werke
Alfred Schuler
Verlag: Telesma-Verlag
ISBN-10: 3981005740
ISBN-13: 978-3981005745
644 Seiten
62,00 Euro



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Rezension von Daniel Bigalke

Alfred Schuler (1865-1923) zählt zu den sehr mythischen Vertretern der deutschen Geistesgeschichte. Als spiritueller Mittelpunkt der Münchner Kosmiker, als Inspirator für Stefan George und Ludwig Klages, erzielte er ohne je ein Buch geschrieben zu haben eine faszinierende Breitenwirkung. Versuche, seine Person begrifflich zu fassen, scheitern bis heute: Seher, Religionsstifter, Gnostiker, Mystagoge, Geist, Dämon. - Er war vieles! Erstmals sind jetzt im Telesma-Verlag in einer Gesamtausgabe mit einleitendem Essay des Herausgebers die Entwürfe, die der Magier und Okkultist zeitlebens vortrug, in überschaubarer Fassung erschienen.

Schuler kann als der letzte deutsche Katharer angesprochen werden, Vertreter, die sich selbst veri christiani ("die wahren Christen") oder boni homines bzw. Bonhommes ("gute Menschen") nannten. Die Katharer wurden im Zuge des Albigenserkreuzzugs und weiterer Feldzüge sowie durch die Inquisition als Häretiker verfolgt und vernichtet, weil sie als Abweichler vom herrschenden Glauben galten. - Dies jedoch spricht für Schuler und sein immens bedeutsames quasireligiöses Werk. Geboren in Mainz 1865 und gestorben in München 1923, kann er nicht mehr verschwiegen werden, wenn die Geschichte jenes Kreises geschrieben wird, den man die Münchner "Kosmiker" nennt: neben Schuler vor allem Ludwig Klages, der Philosoph; Stefan George, der Dichter des geheimen Deutschlands; Alfred Kubin, der vom Philosophen einer Metaphysik der Entropie Philipp Mainländer beeinflusste Zeichner und Schriftsteller. Selbst Rainer Maria Rilkes Werk zeigt Berührung mit Schuler.

In Studien zur Krankheit Nietzsches wird erzählt, daß ein "Verrückter" Nietzsche mit dionysischen Tänzen ins gesunde Leben zurückrufen wollte. Dieser war Alfred Schuler. Am Rande begegnet der Leser Alfred Schuler auch im Werk Ernst Jüngers:

"Manche Autoren sind nur durch Briefe und Briefwechsel, andere wesentlich nur durch Gespräche bekannt. Das setzt einen bedeutenden Kreis, ein "cénacle" voraus. Zum Beispiel Schuler: wir wissen weniger von ihm als über ihn - so durch George, Klages, die Gräfin Reventlow. Alfred Schuler hielt sich für einen Eingeweihten und verhielt sich in diesem Sinn. Sein Einfluß ist bedeutend bis in die politischen Niederungen; doch schwer zu verfolgen, denn er wirkte weniger durch Texte als durch Infiltration. In meiner Bibliothek verwahre ich: >Fragmente und Vorträge aus dem Nachlaß von Alfred Schuler mit einer Einführung von Ludwig Klages<, 1940. Die Einführung ist umfangreich, beinahe ein Buch für sich." (Ernst Jünger, Autor und Autorschaft -Nachträge)

Soweit zu Ernst Jünger. Oswald Spengler belustigte sich über die Neigung des bekennenden Homosexuellen zu Gassenjungen, Soldaten und Metzgergesellen, die er in altertümlichen Behausungen traf. Aber genau das macht Schulers Exzentrik aus. Es sind dies jene Aspekte, welche die Lektüre Schulers, dem weitaus Wissendsten um die Geheimnisse des Altertums, zu einem einmaligen Erlebnis machen, welches viele prägende Autoren seiner Zeit ebenso erfuhren. Passend dazu sei eines seiner Gebete zitiert:

"Ein roter Schein wie Fackeln in der Luft, Wie Purpurruß, durchätzt von Pechbrandduft, In Nacht ob Gassen schwarzer Menschenbrunst Gährender Erzkolosse Sauerdunst, So glüht es einst in unsrer Kindheit Wahn - So glüht es auf wo immer Götter nahn - Urfunken euch sei unser letzter Sang Und Feuerstoß aus unsrem Untergang."

Die vorliegenden Texte zeugen davon, daß Alfred Schuler ein Seher, ein Mystiker des Blutes war. Er lebte beispielhaft in München als sei es das spät antike Rom. Er lebte gedanklich als Zeitgenosse Neros, der die letzten Tage der Wittelsbacher und den Revolutionsbrand von 1918 apokalyptisch deutet. Alfred Schulers "Lehre" ist eine eminent wichtige, kein Laienstück. Unbestritten ist es das Mütterliche, das Schuler in Verbindung mit dem Totenreich und dem Prinzip des Lebens setzt, und ein großer Teil seiner Vortragsreihe "Vom Wesen der ewigen Stadt" ist ein Lobgesang auf das Weiblich-Verströmende und eine Anklage gegen die Vernichtung durch das Männlich-Evakuierende. Diese Vortragsreihe befindet sich mitsamt der Schulerschen Vorrede im Buch und ist ein Erlebnis besonderer Art. Grundprinzip ist die kosmische Verbindung zwischen dem inneren Leben, das seinen Sitz im Blut hat, und dem äußeren All, dem Allumfassenden. Daher die Bezeichnung "Kosmiker". Über den Träger dieser kosmischen Substanz, das Telesma, sagte er:

"Das Auge ins Innere gewendet erblicke ich eine vibrierende Lichtfülle, unzählige im Wechselgenuß aufleuchtende Fluiden, eine ewig ununterbrochene Hochzeit im Äther. Diese Substanz, wie ich vermute, identisch mit dem, was das "große Telesma" genannt und in analoger Weise geschildert wird, erachte ich als die verklärende, seligmachende Kraft, als ihren Sitz das Blut. Insoweit sie die Blutwelle leuchtend macht, nenne ich sie essentielles Leben. Diese Bezeichnung stellte sich mir von selbst zugleich mit dem Erlebnis ein. Der Besitz der Leuchte ist unser Anteil am absoluten Leben."

Es geht ihm also um die gesteigerte Seelenkraft, die er als Blut beschreibt, nicht so sehr um Blut als Abstammung. Ebenso versteht sich sein Antijudaismus keinesfalls rassenideologisch, sondern als Radikalisierung seiner Ablehnung des dominierenden Monotheismus und dessen negativer Konsequenz der universalistischen Vereinheitlichung der Kulturen sowie die dem Christen- und Judentum innewohnende Naturfeindschaft. Kurz: Das christliche Holzkreuz verdeutlicht immer auch eine Verknechtung des Waldes, der Natur. Damit scheinen Schulers Schriften hier als aktuelle neopaganistisch motivierte Kritik des Christentums auf. Auch der erwähnte Evakuierungsprozeß ist für Schuler ein Werk des Monotheismus (Molochismus), der den Lebenskern durch Transzendalisierung ins Jenseitige verlegt, um "das Fischlein Seele aus dem Blute Leben zu reissen."

Interessant ist auch, daß Schuler seine Reden "Vom Wesen der ewigen Stadt" auf Organisation von Elsa Bruckmann hin hielt, die 1914 für die Kriegshilfe für geistige Berufe mehrere Abende organisierte, in deren Rahmen auch der Hölderlin-Herausgeber Norbert von Hellingrath kurz vor seinem Tod vor Verdun referierte. Die Publikation seiner Reden hat Schuler nicht erlebt. Ein größerer Ausschnitt des Nachlaßwerkes Alfred Schulers ist nun durch diese Ausgabe zugänglich. So schließt sich das Bild prägender Münchner Intellektueller einer fruchtbaren Umbruchszeit. Das Bild Schulers ist hiermit endlich vollständiger geworden. Ludwig Klages kommt das Verdienst zu, Schulers Denken erstmals geistesgeschichtlich eingeordnet zu haben. Die Klages- Ausgabe wird jedoch zu den in Antiquariaten immer noch gesuchten Titeln zählen. Dies hat die vorliegende Neuausgabe längst überfällig gemacht. Sie zeugt von der schulerschen Sprachgewalt, ihrer Verbindung von Dichtung, Kulturkritik und esoterischer Schau in einer Zeit, da der kosmische Dichterprophet wie wenige andere das München seiner Zeit und das Rätsel des Lebens zu erleuchten versuchte. In seinem Testament wünschte sich Schuler, der einst auch mit einer vorher in einer Urne aufbewahrten einbalsamierten Katze bestattet werden wollte, entsprechend:

"Reden bei meinem Leichenbegräbnis untersage ich. Man ehre das Rätsel meines Lebens im Tod durch Schweigen."

Daran hielt die Trauergesellschaft sich. Die Katze im Grabe jedoch wurde von der Friedhofsbehörde nicht genehmigt.

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