Interview mit Uwe Lammla

Uwe Lammla wurde am 21. Januar 1961 in Neustadt an der Orla (Ostthüringen) geboren. Er ist Dichter, Verleger und Buchhändler.
Daniel Bigalke:
Sehr geehrter Herr Lammla, wir freuen uns sehr, daß Sie sich
dazu bereiterklärt haben, dem unabhängigen Literaturportal Buechertitel.de ein
Interview zu geben.
In einem kürzlich über Sie erschienen Essay heißt es über Ihre Person:
„In fast dreißig Jahren hat er ein erstaunlich vielseitiges Werk geschaffen und
sich wenig um die Verbreitung und Publikation gekümmert. Das zentrale Thema Uwe
Lammlas ist der deutsche und europäische Mythos in vielen Facetten. Mit der
Zahl der gelesenen Verse nimmt die Gewissheit zu: Er ist durch die
Stahlgewitter des Nihilismus geschritten und gefeit geblieben! Mehr noch! Er
setzt sein eigenes Stahlgewitter entgegen. Die Kraft dazu ergibt sich aus
seinem Bekenntnis zur geistigen Tradition, sie ergibt sich aus seinem
Bekenntnis zur Schönheit und Klarheit, sie ergibt sich aus der Vielfalt der
Bildwelt seiner Gedichte, und sie ergibt sich schließlich aus seinem Bekenntnis
zu Christus und der Heilserwartung.“
Dies sind über einen Dichter der Gegenwart große Worte, die meines Erachtens
von ihm selbst erläutert werden sollten. Wo also sehen Sie Ihre eigene Rolle in
der zeitgenössischen Literatur?
Uwe Lammla:
Ihr Zitat stammt wohl von jemandem, den ich mit meinen
Versen faszinieren konnte. Mit Gedichten ist es wie mit einer Frau, man ist hin
und weg oder eben - kalt. Wer sich schwärmerisch äußert, riskiert belächelt zu
werden. Das macht aber nichts. Der echte Dichter hat mehr mit Kriegern,
Seefahrern und Abenteurern zu tun als mit Literaturprofessoren, deren Probleme nur
ihresgleichen interessieren.
Ich mußte mich viele Jahre mit dem Verdikt auseinandersetzen, meine Themen und
meine Formen seien unzeitgemäß. Ich glaube, es gibt in jeder Zeit Geister, die
im Windschatten des Anerkannten segeln, und solche, die nach Neuland
aufbrechen. Rückwirkend werden die Verwegenen als zeittypisch betrachtet, die
Zeitgenossen sahen dies anders. Beim Literaturbetrieb kann ich für meine Sache
bislang kein Tauwetter erkennen. Es gibt jedoch viele ermutigende Erfahrungen
für mich. Ich bin gerade dabei, in Mitteldeutschland ein großes
Gewerbegrundstück zu sanieren, treffe zahllose Handwerker, Hilfsarbeiter,
Gemüsefrauen und was weiß ich. Ich merke dabei täglich, daß meine Themen an den
Nerv der Zeit rühren. Was die Form betrifft, so ist es für mich evident, daß
auf eine lange Periode totaler Formzerstörung nur die Wiederentdeckung der
dichterichen Form mit ihren vielfältigen Möglichkeiten folgen kann. Außerhalb
der Universitäten ist dies jedermann klar.
Die Sorge um Ankennung hat für mich in dem Maße abgenommen, wie ich mein
dichterisches Werk als eine Aufgabe erkannt habe, die keine Ausreden gelten
läßt. Also in dem Maß, wie die religiösen und politischen Probleme meiner Zeit
sinnsetzend für meine Dichtung wurden.
Daniel Bigalke:
In dem eingangs zitierten Text über Sie heißt es, Ihre
Gedichte spiegelten eine Vielzahl der Bilderwelten wider, die sich vorrangig
aus Ihrem Bekenntnis zu Christus und der Heilserwartung speisen. Hängt diese
Vielzahl der Bilderwelten mit Ihren soeben erwähnten Veränderungen im Leben
zusammen?
Uwe Lammla:
Die Neigung zur üppigen Bildern und üppigem Klang hatte ich
schon, bevor das Evangelium die heutige Rolle in meiner Dichtung spielte. Das
ist einfach mein Naturell. Ich nutze keine Medien und konsumiere höchst selten
Tonkonserven, aber ich singe bei jeder Gelegenheit, mache Spottverse und
Scherze, die nicht jedermann mag. Wenn man dies religiös formulieren
will, so zeigt sich mein unerschütterliches Gottvertrauen, meine Überzeugung,
daß der Herr die Welt trefflich gemacht hat und all unser Irren und Bangen zu
einem guten Ende führen wird. Wenn man in dieser Gestimmtheit lebt, fallen
einem die Bestätigungen fortwährend zu.
Daniel Bigalke:
Sie gestatten, daß ich kurz auf das Eingangszitat
zurückkomme. Dort heißt es, sie seien durch das Stahlgewitter des Nihilismus
geschritten und würden diesem ein eigenes Stahlgewitter entgegensetzen. Wie
kennzeichnen Sie also den Nihilismus der Gegenwart konkret und wie ließe sich
Ihr „Gegengift“ näher beschreiben?
Uwe Lammla:
"Gegengift" finde ich nicht besonders treffend, da
niemals der Arzt heilt, sondern immer der Kranke sich selbst. Wenn jemand mit
einer Augenbinde herumläuft, so kann die Kunst ihn vielleicht ermutigen, es zu
wagen, sie abzunehmen. Mit meinem eigenen "Stahlgewitter" ist
vermutlich gemeint, daß meine Aussagen immer polarisierend sind. Ich halte
nichts davon, alle Parteien zufriedenzustellen. Ich trete mit Schärfe und
Militanz für eine Gestimmheit ein, die ich für die natürliche halte, und ich
weigere mich, dabei Konzessionen an die Bedenkenträger zu machen, die unser
Land wie ein Unkraut überwuchern. Es wird ja häufig pathetisch gefaselt, die
Gedanken seien frei. Sind sie eben nicht! Es bedarf außerordentlichen Mutes,
sich in seinen Fragestellungen, Deutungen und Alternativsetzungen nicht von den
Vorgaben der Mächtigen leiten zu lassen.
Daniel Bigalke:
Die Münchner Jahre gelten als die fruchtbarsten Jahre des
Lyrikers Uwe Lammla. Jetzt, gerade seit vor kurzem, sind Sie wieder zurück in
Ihrer Heimat, in Thüringen. Immer wieder reisten Sie schon vorher in die alte
Heimat, um vor Ort Luft und lebendige Anschauung zu tanken. So entstanden
schließlich Ihre Werke „Orlagau“, „Saalisches Lied“, „Rhön und Rennsteig“,
„Zwischen Dünwald und Pleiße“ und „Das Murmeln der Ilm“. Glauben Sie, daß dem
heutigen Thüringer diese Gedichte etwas mitteilen und wenn ja, was?
Uwe Lammla:
Ich bin als ganz junger Mensch nach München gegangen und
habe dort fast mein ganzes Erwachsenalter verbracht. Insofern konnte ich kaum
woanders fruchtbar sein. Thüringen ist nicht nur wichtig für mich, weil ich in
München fast überall auf verschlossene Pforten gestoßen bin. Die Erfahrungen
der Kindheit sind das wichtigste für die Seele eines Menschen. Meine Verlobte
stammt aus Ostfriesland, vor der Wiedervereinigung wurden in der BRD die
Ostfriesen als "Ossis" bezeichnet. In der Tat haben die Menschen dort
viele westdeutsche Entwicklungen nur zögerlich oder überhaupt nicht mitgemacht.
Als meine Verlobte von ihrer Kindheit erzählte, fühlte ich mich an meine eigene
erinnert, dies war mir in zwanzig Jahren München niemals geschehen. Dies hat
mich überzeugt, nicht etwa so vergängliche Dinge wie Musikgeschmack,
Modevorstellungen oder Wirkungskreis. Erzähle mir von der Hierarchie im
Sandkasten, und ich sage dir, wer du bist.
Meine Thüringen-Dichtungen sind keine Idyllen, sondern sie zeigen das
"Grüne Herz" in seiner Verflochtenheit mit der Reichsgeschichte. In
Thüringen stiegen die Sozialdemokratie, aber auch der Nationasozialismus auf.
Der Sängerkrieg auf der Wartburg ist ein zentraler deutscher Mythos, und jede
Burg weiß von Besuchen des Kaisers. Der Kyffhäuser hat alldeutsche Bedeutung,
die Queste auf dem Questenberg symbolisiert das spezifisch deutsche Verhältnis
von Heidentum und Christentum. Luther ist allerorten gewärtig.
Ich halte es für die Aufgabe des Dichters, das Universale im Konkret-Faßlichen
erfahrbar zu machen. In Thüringen werden meine Verse in lokalen Blättern
nachgedruckt, und, obwohl ich z.B. das Eichsfeld nur mit einem einzigen Gedicht
bedacht habe, werde ich dort stärker rezipiert als sonstwo in Deutschland. Ich
glaube, die einfachen Menschen nehmen mir ab, daß ich ihre Existenzsorgen ernst
nehme und im Kern verstehe und daß meine Art von religiöser und politischer
Dimension niemals den Einzelnen aus dem Auge verliert, der zwischen die Mächte
der Geschichte gestellt ist. Ich glaube, es gibt gerade in Mitteldeutschland
ein sehr starkes Bewußtsein für das abgrundtief verfahrene der modernen
Entwicklung. Außerdem hat man in dieser Gegend niemals aufgehört, Mythen und
Märchen zu lieben.
Daniel Bigalke:
Das sind nun aber die Fragen, mit denen Sie sich gegenwärtig
beschäftigen?
Uwe Lammla:
Ich habe einen alten Plan wiederaufgenommen, ein ganzes Buch
über Pilze zu dichten. Die Pilze sind ein ganz eigenes Reich des Lebendigen,
reich an Liebhabern und Volkspoesie. Außerdem besitzen sie außerordentlich
symbolische Qualitäten. Die Naturlyrik ist für mich ein besonders kurzer Weg
vom Zufällig-Gegenwärtigen ins Zeitlos-Universale. Drei Schritt vom Weg beginnt
Fabelland. Wenn wir uns in so ein neckisches Geschöpf vertiefen, scheint der
unfaßliche Reichtum der Schöpfung auf. Dies ist immer und überall möglich, und
also ein Königsweg.
Daniel Bigalke:
Mit der Aufwertung des Naturbegriffes durch den französischen
Philosophen Jean Jacques Rousseau (1712 –1778) bzw. durch die Epoche des Sturm
und Drang im deutschen Sprachraum – hier ist der Einfluss Johann Gottfried
Herders (1744 – 1803) maßgeblich - erfährt die Naturlyrik schon recht früh
einen ungeahnten Impuls. Die belebte Natur haben Sie schon in Ihren
Anfängen als Dichter inspiriert. In den frühen Gedichtsammlungen fallen Sonette
wie „Quastenflosser“, „Nautilus“ oder „Quendel“ auf, die bereits eine
passionierte Naturbeobachtung verraten. Stets war aber der utopische Gedanke
einer Notwendigkeit der Versöhnung zwischen Mensch und Natur Kern der
Naturlyrik. Sie stellte sich gegen die vorangeschrittene Entfremdung zwischen
den beiden Prinzipien. Diese Einheit wieder herzustellen, glauben Sie dies mit
Ihrer Lyrik ebenso erreichen zu können und ist dies auch Ihr Ziel in der
eigenen Naturlyrik?
Uwe Lammla:
Rousseau ist ein Philosoph, der mir fernsteht, und
Rousseauismus ist mir geradezu ein Schimpfwort. Die Ansicht, der Mensch sei von
Natur aus gut und nur durch die Gesellschaft verdorben, erscheint mir eine
Salonidee. Der Mensch ist auf jeder Stufe der Kultur konstruktiv und
destruktiv, und die Mär von den unschuldigen Kindlein halte ich für
abgeschmackt. Die Gesellschaft hat nicht der Teufel gemacht, sondern der
Mensch. Wenn Großstädter einen Ökohof gründen, werden sie darum keine besseren
Menschen.
Das Problem der Moderne besteht darin, daß der Mensch sein kurzes Erdenleben zu
A und O der Weltgeschichte macht. Daß er der Transzendenz entsagt hat, hat ja
nicht nur Konsequenzen fürs Jenseits. Er hält die Ansicht für überholt, die
Ahnen hätten ihm ein Lehen hinterlassen, daß er für die Ungeborenen zu pflegen
und mehren habe. Er hält es für korrekt, Grundstücke für Urlaubsreisen zu
verkaufen. Er meint, die Schnecken hätten sich über Jahrmillionen in Öl
verwandelt, um ihm den Traum vom Fliegen wahr zu machen. Wir müssen gar nicht
zum Extremverbrechen der Abtreibung greifen, schon die Zeugungs- und
Gebärunwilligkeit sind verbrecherisch. Vor allem begreift der moderne Mensch
nicht, daß er sich für sein verbrecherisches Tun laufend selbst bestraft.
Alles, was Glück bedeutet, wird rar und schließlich unbezahlbar. Die Kinder
können nicht mehr auf der Straße spielen, die jungen Männer finden keine Freundin
mehr. Das Obst von den Bäumen wird auf der Straße zertreten, gleichzeitig ist
für Millionen angeblich keine Arbeit da.
Die Natur wird sich niemals mit dem modernen Menschen versöhnen, er trenne so
viel Müll, wie er wolle. Die moderne Lebenart beruht auf teuflischen Lügen. Die
Begegnung mit der Natur ist sinnlos, wenn die Lüge nicht als solche erkannt
wird.
Daniel Bigalke:
Dieser aufklärerische Impuls scheint mir besonders
in Ihrer Dramatik bestimmend. Dabei fällt auf, daß Sie eher mit Typen operieren
als mit psychologischen Charakteren. Verdankt sich dies Ihrer Vorliebe fürs
Mittelalter oder ist hier Grundsätzliches im Spiele?
Uwe Lammla:
In meiner Jugend las ich sehr viele Romane, aber die
Klassiker psychologischer Darstellung blieben mir immer fremd. Die immer feine
Zergliederung von Beweggünden halt ich für dekadent. Mir gefiel immer Luthers:
"Hier stehe ich und kann nicht anders." Das ist ergreifend schlicht.
Das Kirchenlied hat stark auf mich gewirkt. Natürlich auch der mittelalterliche
Roman. Eine Theorie zum Drama habe ich nicht. Ich entwerfe die Akte und lasse
die Figuren los. Oft überraschen sie mich. Ja, ich kann sagen, daß ich manchmal
auf ihre Rede nicht weniger reinfalle als das Publikum.
Daniel Bigalke:
Herr Lammla, der aufmerksame Leser Ihrer Schriften weiß, daß
für Sie das Christentum keine Versenkungstechnik und keine Weltverneinung
darstellt. Für Sie ist das Göttliche immer auch mit sichtbaren Hoheitssiegeln
geadelt. Die Sprache zeigt in jedem Ihrer Verse, daß sich Transzendenz und
Immanenz des Heiligen die Waage halten. Wie sehen Sie das Geadelte oder den
Adel selbst, insbesondere vor dem Hintergrund der ständischen Idee, von der so
viele Philosophen wie Edgar Julius Jung, Othmar Spann und Julius
Evola schreiben?
Uwe Lammla:
In meiner "Anna Luise" habe ich das ergreifende
Schicksal der letzten Schwarzburger Fürstin noch über ihren Tod hinaus
gestaltet. Der heutige Adel ist sich in den Klatschblättern für keine
Geschmacklosigkeit zu schade. Wir erleben dort Leute mit viel Geld und ohne
jede Leistung, eine Art Gaubklerbande, die uns warnen soll vor früheren Zeiten.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß dies alles geschehe und
detailliert dokumentiert werde, um jedermann deutlich zu machen, daß die demokratische
Gesellschaft normal sei, die ständische dagegen eine Absurdität.
In "Anna Luise" schreibe ich gegen dieses Schmierentheater an. Die
ständische Gesellschaft besteht keineswegs aus einem fleißigen dritten Stand
und einem verlotterten Adel und einer verfressenen und herumhurenden
Geistlichkeit. Die ständische Gesellschaft ist hingegen die wirkliche
Gewaltenteilung im Gegensatz zur demokratischen Staffage. Noch im Bismarckreich
hatten die Zöglinge des Adels ein strenges und verantwortungsvolles Los, das
keine Rücksicht auf "Selbstverwirklichung" und ähnliche Eskapaden
kannte. Das Kloster war eine Abkehr vom Geldscheffeln im Dienste des Geistes.
Gern wird übersehen, daß dort im Mittelalter nicht nur die künstlerische
sondern auch die technische Innovation versammelt war. Die Verächtlichmachung
des Adels dient allein dem Totalitarismus des Kapitals.
In Handwerk und Landwirtschaft hat sich das leibliche Vererbungsprinzip
durchaus bewährt. Bei Führungsaufgaben war es schon in der Antike umstritten.
Die Wahlmonarchie der katholischen Kirche halte ich für eine sehr gute Sache.
Allerdings sollte ein Führer auch nicht ohne Einfluß auf seinen Nachfolger
bleiben. Um hier brauchbare Modelle für die Zukunft zu entwickeln, hält die
Geschichte jede Menge Anschauungsmaterial bereit. Es ist Aufgabe des Dichters,
dafür die Sinne zu schärfen.
Daniel Bigalke:
Vielmals ist in Ihren Gedichten vom freien Bauern und seinem
Reich, und zudem auch vom deutschen Reich abseits aller pejorativen
Konnotationen des Terminus „Reich“ die Rede, so auch im Gedicht „Walsburg“:
„Da das Reich im deutschen Land
Ward verboten und verpönt,
Hörst du auch an diesem Rand,
Wie das Volk verzweifelt stöhnt.“
Was bedeutet das „Reich“ für Sie – eher eine religiöse oder
eine politische Idee – und was vor allem sollte es für die Deutschen heute
bedeuten und zwar völlig abseits jener konditionierten Reflexe, die damit nur
etwas Düsteres verbinden?
Uwe Lammla:
Zunächst einmal ist die Alternative von einer religiösen
oder politischen Bedeutung falsch, da es keine Politik ohne religiöse Basis
geben kann. Auch die BRD, die von sich behauptet, keinem Vorurteil zu frönen,
sondern sich den gesellschaftlichen Kräften leiten zu lassen und einen immer
wieder neu zu erringenden Konsens zu gestalten, steht auf ehernen Dogmen. Daß
erste Dogma lautet, daß das NS-Regime verbrecherisch gewesen sei, das zweite,
daß durch dieses das Reich verspielt sei. Jüngste Urteile der Strafverfolgung
bestätigen den Rang dieser Dogmen.
Es ist jedoch nicht die Aufgabe des Dichters, sich mit den Dogmen eines
Glaubens auseinanderzusetzen, den er nicht teilt. Auch die Dogmen der
katholischen Kirche und die auch zweifellos im Protestantismus vorhandenen sind
nicht so sehr mein Thema. Vielmehr möchte ich zeigen, daß es sich beim
Evangelium wirklich um eine frohe Botschaft handelt. Die Diener der Kirche sind
ja oft so miesepetrisch, daß sie mancher mit den Beschäftigten eines
Bestattungsunternehmens verwechselt. Auch hat sich die Kirche mit ihrem
Festhalten an der Kirchensteuer in eine babylonische Gefangenschaft des Staates
begeben, und wird darum für dessen Entartung mitverantwortlich gemacht.
Das Reich ist ein Urtraum der Deutschen und nur christlich zu begreifen. Die
germanischen Stämme hätten für ein Prinzip, das über dem ethnischen steht, keinen
Sinn gehabt. Da der Reichsidee mythische Qualität eignet, ist hier keine
Defintion, sondern nur eine Annäherung möglich. Eine solche suche ich in all
meinen Gedichten, Dramen und Essays.
Daniel Bigalke:
Das klingt sehr sendungsbewußt. Würden Sie dies selbst als
„Sendungsbewußtsein“ kennzeichnen und verfolgen Sie mit Ihrer Lyrik eine
dezidierte Sendung? Wie ließe diese sich kennzeichnen?
Uwe Lammla:
Das Politische im engeren Sinne ist nicht das Feld des
Dichters. Er mag auf Modelle und Bezüge hinweisen, aber im Kern geht es immer
um die Sprache. Die Sprache ist die Seele eines Volkes, und in ihrer Eigenart
zeigen sich Größe und Limit des volklichen Wesens. Es ist für den Dichter eine
besondere Gnade als Deutscher auf die Welt zu kommen. Dies gerade weil die
Deutschen als Mischung von Germanischem und Slawischen an einem Angelpunkt von
Ost und West, von Nord und Süd beheimatet sind. Zur Morphologie des Deutschen
habe ich einiges in meinen Schriften ausgeführt, da wird auch noch manches
hinzukommen. Luthers Rolle kann hier gar nicht groß genug eingeschätzt werden.
Daniel Bigalke:
Glauben Sie, daß die Deutschen sich Ihrer Sprache heute
bewußt sind?
Uwe Lammla:
Natürlich nicht. Aber was wollen sie von Leute erwarten, die
Kirschen zertreten?
Daniel Bigalke:
Die Deutschen und Ihre Sprache – nicht erst seit den Reden
an die deutsche Nation von Johann Gottlieb Fichte wird dieses Verhältnis als
ein besonderes bewertet. Was würden Sie jedem Ihrer Leser und vor allem den
Deutschen überhaupt heute als Lebensmaxime gern mit auf den Weg geben?
Uwe Lammla:
Da Sie Fichte erwähnen, möchte ich noch kurz anmerken, daß
es mir um das deutsche Volkstum und das Reich zu tun ist, keineswegs um die
"Nation". Das ist ein bürgerlicher Begriff aus Frankreich. Natürlich
bin ich gegenüber der Globalisierung Nationalist, wie ich Sozialist bin, wenn
Sozialwohnungen an amerikanische Millionäre verhökert werden. Wenn das
Gesundheitsministerium mit Hygienebestimmungen die Metzger kaputtmacht, bin ich
sogar Wirtschaftsliberalist. Aber all dieses Isman hänge ich nicht
grundsätzlich und unbedingt an.
Für Lebensmaximen halte ich mich nicht für zuständig, da empfehle ich das
Evangelium. Um aber doch einen Rat zu formulieren: Hören Sie auf, sich
mit Informationen vollzustopfen und entsagen Sie dem Aberglauben, dies diene
Ihrer Bildung. Ein Goethespruch wiegt unendlich mehr als zwanzig Tageszeitungen
und Rundfunknachrichten. Richten Sie den Blick auf das, was Bedeutung hat. Sie
werden beschenkt werden.
Daniel Bigalke:
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